+
Bruno Jonas neues Buch "Vollhorst" ist auf dem Weg zum Bestseller.

Großes Merkur-Interview

Bruno Jonas: "Die Mehrheit hat nicht immer Recht"

München - Er betätigte mit Dieter Hildebrandt den „Scheibenwischer“, las als Bruder Barnabas auf den Politikern die Leviten. Seit vielen Jahren schreibt Bruno Jonas auch Bücher. Pünktlich zum Erscheinen seines neuesten Werkes, haben wir den Kabarettisten zum Interview getroffen.

Seit vielen Jahren schreibt Bruno Jonas auch Bücher, die mehr sind als gedruckte Kabarettprogramme, zum Beispiel die „Gebrauchsanweisung für Bayern“. Jetzt hat der 62-Jährige sein neues Werk vorgelegt. „Vollhorst“ ist eine bitterböse Typologie des modernen Politikers. Jonas , Vater zweier erwachsener Kinder, lebt mit seiner Lebensgefährtin in München.

Wie würden Sie in wenigen Worten einen Vollhorst definieren?

Bruno Jonas: „Vollhorst“.  Piper Verlag, 272 Seiten; 19,99 Euro. Der Autor stellt das Buch heute um 20 Uhr im Münchner Lustspielhaus vor.

Der Vollhorst ist eine höhere Lebensform, die sich über verschiedene Mutationen entwickelt hat, vom Viertelhorst über den Halbhorst, vielleicht sogar durch Kreuzung mit dem Dreiviertelsigmar. Ich glaube, dass der Vollhorst eine ganze Politikergeneration im postdemokratischen Zeitalter repräsentiert. Er ist sehr anpassungsbereit, weil das Motiv für sein Handeln immer der Machterhalt ist, und dazu braucht er möglichst viele Wählerstimmen.

Nun heißt der bayerische Landesvater mit Vornamen Horst – gibt es da einen Zusammenhang?

Das könnte sein. (Lacht.) Aber der Herr Seehofer kann natürlich nichts dafür, dass er Horst heißt. Da müsste man seine Eltern fragen, warum sie ihren Sohn so genannt haben.

Ein erfolgreicher Politiker nimmt nach Ihrer Analyse „die Mehrheitsmeinung in sich auf und stellt sie als Produkt des gesunden Menschenverstandes dar“.

"Wir sollten uns eine eigene Meinung leisten": Der Kabarettist im Gespräch mit Merkur-Redakteur Rudolf Ogiermann.

Richtig. Aber das ist keine neue Erkenntnis. Politisches Verhalten sucht immer die Legitimation über den sogenannten gesunden Menschenverstand. Aber was hat man darunter zu verstehen? Übrigens sucht auch Horst Seehofer die „Koalition mit dem Volk“, wie er sagt. Damit unterstellt er, dass das Volk vernünftig ist. Und da bin ich sehr skeptisch. Das Volk ist nämlich manipulierbar. Schauen wir doch nur einmal ins Mutterland der Demokratie, nach Griechenland. Die Politiker, die dort das Chaos angerichtet haben, sind immer korrekt gewählt worden – Papandreou, Simitis, Karamanlis, Samaras und jetzt eben Tsipras. Deshalb sollte man von Zeit zu Zeit kritisch hinterfragen, ob die Mehrheit immer Recht hat.

Dass die sogenannte dekonstruktivistische Sexualpädagogik die einzig richtige ist, glaubt sicher nur eine Minderheit. Trotzdem widmen Sie ihr im Buch viel Platz.

Weil ich glaube, dass das Thema Gender künftig einen breiteren Raum einnehmen wird. In Baden-Württemberg ist es ja schon so weit, dass eine neue Form des Sexualkundeunterrichts in den Lehrplan aufgenommen werden soll. Sie sieht vor, Kinder vor der Geschlechtsreife sozusagen abzufangen, damit sie sich nicht zu früh festlegen in ihrer sexuellen Orientierung. Das halte ich für bedenklich und dagegen erhebe ich meine Stimme.

Die flächendeckende „Verkrippung“ von Kleinkindern – noch ein Thema, das Sie umtreibt.

Darauf bin ich gekommen durch ein Interview mit dem Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz. Der hat daran erinnert, dass die Bindungsfähigkeit von Kindern vor allem in den ersten drei Jahren maßgeblich geprägt wird. Und wenn man Kinder in dieser Zeit in die Krippe gibt, wo sie sich die Bezugsperson teilen müssen, dann löst das Stress aus, es kann sogar zu regelrechten Burnouts kommen. Das schreckt mich. Ich habe den Eindruck, dass die Debatte über Kinderbetreuung nicht aus der Sicht des Kindes, sondern immer aus der Sicht der Wirtschaft geführt wird. Die Frauen sollen ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrechen, damit die Sozialsysteme nicht über Gebühr belastet werden. Man könnte provokant fragen: Haben Kinder in Deutschland noch ein Recht auf Eltern?

Auch die vermeintliche Alternativlosigkeit der Europäischen Union ist Ihnen ein Dorn im Auge.

Es stört mich, dass man das Thema immunisiert gegen Kritik. Wer gegen Europa ist, wird sofort in die reaktionäre Ecke gestellt. Das mag ich nicht. Mir stellt sich die Situation so dar, dass man ein europäisches Haus bauen wollte und mit dem Dach angefangen hat. Und jetzt versucht man, nachträglich Wände einzuziehen, damit das Dach nicht einstürzt. Das wirkt auf mich nicht besonders vertrauenerweckend.

Nun sind die Linken traditionell für Europa, die Rechten europakritisch.

Die Diskussion über Europa wird leider immer zu einer parteipolitischen Debatte umfunktioniert. Ich wehre mich aber dagegen, in dieser Debatte auf irgendeiner Seite mitkämpfen zu müssen. Die europäische Idee finde ich großartig, aber so, wie diese Idee jetzt zu Grabe getragen wird unter dem Vorwand, sie zu retten – das kommt mir komisch vor.

Früher hat man als Kabarettist leichtfertiger bekannt, links zu sein.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Links zu sein, das war nach dem Krieg und vielleicht sogar bis in Achtzigerjahre hinein eine nachvollziehbare Position unter Künstlern, eine Tradition, die vermutlich bis in die Geburtsstunde des Sozialismus Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Nach dem Motto: Wir sind links, wir sind die Guten. Aber das funktioniert heute nicht mehr, die Debatten sind komplexer geworden. Links und rechts sind Vokabeln, die nur den Parteien helfen. Die unterscheiden sich gerne noch so und suggerieren, es gäbe keine unabhängige Position.

Manche sprechen von Parteiendiktatur...

Dieser Begriff ist mir zu stark. Aber man muss wirklich mal fragen, was sich die Parteien eigentlich einbilden. Überall haben sie sich breit gemacht, sogar in den Medien bestimmen sie über die Besetzung von Posten. Ich verstehe, dass die Parteien ihre Pfründe verteidigen wollen, aber wir Künstler sollten doch die Chance nutzen, uns von dieser bornierten Farbenlehre zu entfernen und uns eine eigene Meinung zu leisten.

Sie schreiben Bücher, spielen Ihr Kabarettprogramm, doch im Fernsehen machen Sie sich rar.

Mir gefällt nicht, dass die ARD die Satire so ins Spätprogramm geschoben hat. Die Programmmacher behaupten ja, das wir Kabarettisten um diese Zeit genau unser Publikum bekommen. Aber das stimmt ja nicht! Warum soll man die Zuschauer bis um 23 Uhr warten lassen? Es kann mir keiner erzählen, dass die da noch wach sind. Warum kann man Satire den Deutschen nicht um 20.15 Uhr oder um 21 Uhr zumuten?

Im Bayerischen Fernsehen gäbe es einen Satireplatz am Donnerstag um 21 Uhr.

Ja, aber da sollen ruhig mal die Jüngeren ’ran.

Bedeutet das den Rückzug für immer vom Fernsehen?

Ich will nichts ausschließen, aber momentan geht’s mir ohne ganz gut. Ich mache im Radio eine wöchentliche Glosse, die mir viel Spaß macht. Es gibt mittlerweile so viel Kabarett im Fernsehen, vielleicht ist es ganz gut, wenn ich da nicht auch noch auftauche.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare