Der Armlehnstuhl von Donald Judd (1984/89) ist nicht nur auch als Bücherregal zu verwenden, sondern ähnelt obendrein seinen minimalistischen Skulpturen. Foto: Stuart Whipps/DJF

Brust-raus-Bauch-rein-Gefühl

München - Beim Anbilick dieser Stühle sitzt man automatisch gerade. In der Pinakothek der Moderne zeigt das Design-Museum Möbel des Minimalisten Donald Judd.

Schon beim bloßen Anschauen dieser Stühle richtet sich die Wirbelsäule auf. Und wie mag es erst sein, wenn man auf so einem rechtwinkligen Gerüst klarer Kanthölzer Platz nimmt? Oder auf diesem „Armlehnstuhl“ aus blau lackierten Aluminiumplatten, der auch als Buchregal verwendbar ist? Wahrscheinlich stellt sich beim Hinsetzen sofort ein Brust-raus-Bauch-rein-Gefühl ein. Verschlurfte Müßiggänger mit Hang zum Hinfläzen auf Lotterbetten haben jedenfalls auch nichts zu lachen auf der kantigen „Wintergartenbank“ aus Douglastanne. Dagegen dürfte Anhängern eines protestantischen Arbeitsethos, die nichts vom langen Hinsetzen halten, das Herz höherschlagen bei den würfelförmigen Sperrholz-Hockern im Kästchen-Stil.

Aber schließlich wurde Donald Judd (1928-1994) ja mit Kisten und Kästen berühmt: Kubische Gebilde aus Metall oder Holz, die oft an Schubladen erinnern, sind sein Markenzeichen. Nicht umsonst hat man diesen Künstler also in die Rubrik des strengen Puristen eingekastelt. Im Rahmen des „American Summer“ in der Pinakothek der Moderne zeigt das Design-Museum Die Neue Sammlung jetzt allerdings eine weitgehend unbekannte Facette des Werks von Donald Judd: „A good chair is a good chair“ (ein guter Stuhl ist ein guter Stuhl) heißt die Ausstellung, die den Hauptvertreter der Minimal Art als Möbel-Designer präsentiert. Und auch wenn er selbst beide Bereiche immer streng getrennt wissen wollte: Viele seiner Design-Entwürfe erinnern mit ihrer Ästhetik der extremen Reduktion überdeutlich an Judds Skulpturen. Aber geahnt hatte man es ja immer schon, wenn man beispielsweise vor Judds Holzkisten stand, denen in der Dauerausstellung der PDM ein ganzer Raum reserviert ist. Obwohl sie völlig zweckfreie Kunstobjekte sein wollen, verbreiten sie in ihrer rechtwinkligen Makellosigkeit stets einen Hauch von Möbelhaus oder Schreinerei.

Und jetzt erfährt man, dass der berühmte Amerikaner tatsächlich schon früh einen Hang zum Kunsthandwerkeln entwickelte. Denn angefangen hat alles in den späten 60ern mit Möbeln Marke Eigenbau: Für sein Anwesen in Texas nagelte Judd aus Brettern vom Sägewerk seinen Kindern ein rohes Bettgestell zusammen, das einen Hauch von Blockhaus- und Western-Romantik ausstrahlt. Es ist also sicher kein Zufall, dass auch viele von Judds späteren (nicht mehr selbst gebauten) Möbeln in ihrer schlichten Funktionalität an die praktischen Kinderzimmer-Einrichtungen der 70er erinnern. Am überzeugendsten sind Donald Judds Möbel gleichwohl dort, wo durch den blanken Funktionalismus hindurch eine Art Überschuss des Nutzlosen aufblüht. Wie in dem Stuhl, der ganz aus Kupferplatten besteht, als wär’s ein Stück von Joseph Beuys. Da schlägt Design dann unversehens doch in „richtige“ Kunst um.

Bis 9. Oktober, Di.-So. 10-18, Do. bis 20 Uhr.

Von Alexander Altmann

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