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„Der weibliche Cäsar liebt die Macht“: Ursula Maria Burkhart in Tyrannen-Pose.

Interview mit Ursula Maria Burkhart

„Brutus ist mein Lieblingsbub“

München - Zickenkrieg, Generationenkonflikt, Tyrannei: Ursula Maria Burkhart über ihre Titelrolle in Shakespeares „Julius Cäsar“

Ursula Maria Burkhart ist die Angela Merkel des Münchner Volkstheaters. Die 1961 in Oberammergau geborene Schauspielerin ist die älteste im Ensemble, sie kam mit Christian Stückl, als er 2002 Intendant wurde. Und sie spielt meistens die Mutter – wie in „Arabboy“, „Der Räuber Kneißl“ und „Bluthochzeit“ oder der Oberammergauer Passion. Jetzt schlüpft sie in Shakespeares „Julius Cäsar“ unter der Regie des Ungarn Csaba Polgár (der zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat inszeniert) in die Titelrolle. Steht damit eine ganz andere Ursula Burkhart auf der Bühne? Na ja, eher ein ganz schön mutti-hafter Julius Cäsar.

Was für ein Mann ist Julius Cäsar?

Er ist eine Frau. Ich spiele tatsächlich einen weiblichen Julius Cäsar, und der liebt die Macht und ist herrschsüchtig.

So eine Art Matriarchin in Domina-Gestalt?

Na ja, ich mag schon meine Jungs um mich herum. Der Cäsar, den ich spiele, ist eine Mutter, die anderen wie Cassius oder Octavius sind meine Kinder, wobei Marc Anton und Brutus meine Lieblingsbuben sind, die mich lieben. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es wirklich Liebe ist oder nur Liebe zur Macht.

-Warum hat sich Csaba Polgár als Regisseur entschieden, aus Cäsar eine Frau zu machen?

Er wollte einen Bezug zur Realität, zu meiner Position im Ensemble. Ich habe als einzige ältere Frau eine Sonderfunktion. Es hat ihn interessiert, so ein Geschlechter-Ding daraus zu machen. Cassius, der gegen Cäsar intrigiert, ist meine Tochter und wird von einer jüngeren Frau gespielt: Mara Widmann.

Geht es also auch um einen Generationenkonflikt?

Ja, irgendwie schon. Das ist ja sehr zeitgemäß. Es muss auch mal ein Junger ran an die Macht. Im Stück müssen die Kinder die Mutter töten, um sich abzulösen, um sie selbst zu sein. Was übrigens nicht funktioniert.

Wird Cäsar nicht getötet?

Schon, aber ich sitze nach meinem Tod die ganze Zeit dabei und kommentiere die Aussagen der anderen. Ich bin also immer noch sehr präsent.

Sie haben einmal gesagt, „ich spiele die Mütter der Weltgeschichte rauf und runter“ – die Rolle passt also wieder einmal?

Ja, sie passt wieder. (Lacht.) Ich bin ja auch im Ensemble so was wie eine Mutter.

Das ist doch erstaunlich: Sie spielten die Maria in der Passion, die Mutter in „Roberto Zucco“. Und jetzt macht Csaba Polgár gewissermaßen für Sie aus Julius Cäsar eine tyrannische Mutter.

Ja, ich finde das ganz toll und bin begeistert von dieser Idee. Das ist doch eine interessante Möglichkeit, diese Geschichte zu erzählen.

In Shakespeares „Julius Cäsar“ geht es um Machtgerangel. Ist das typisch männliches Verhalten, oder denken Sie, so verhalten sich Frauen manchmal auch?

Das gibt es sehr wohl bei Frauen! Sie machen es nur viel perfider.

Der alte Cäsar und der junge Cassius – Sie und Ihre Kollegin Mara Widmann – liefern sich also einen Zickenkrieg?

Ja, ein bisschen Zickenkrieg gibt es schon. Ich mag lieber meine Söhne um mich haben, Cassius funktioniert da nicht so, ist ehrgeizig und tough, und sie stachelt auf. Csaba Polgár hat einmal gesagt, bei Cäsar ist es wie bei einer älteren Schauspielerin, die mit jüngeren in der Garderobe ist. Wenn sie hinausgeht, weiß sie genau, dass die anderen über sie sprechen. Das Alter bringt Cäsar in eine Außenseiterposition.

Wie reagiert er – oder sie – darauf?

Ich werde ein bisschen paranoid. Ich erkenne zwar meine Schwäche. Dass ich nicht mehr so kann, dass es Zeit wäre abzudanken. Doch das leugne ich sofort wieder ab. Für mich ist das Gefühl von Angst ja ganz neu. Und ein Herrscher darf schließlich keine Angst haben.

Und weil es nicht mehr so geht wie früher, wird Cäsar noch herrischer, noch krätziger?

Genau, sie wird noch verbitterter. Das ist doch in der Realität auch manchmal so, dass ältere Leute ungerecht und böse werden.

In Shakespeares „Julius Cäsar“ warnt ihn seine Frau Calpurnia davor, ins Kapitol zu gehen. Wer warnt Ihren Cäsar?

Ich spiele auch Cäsars Frau, die ihn in einem Traum warnt. Sozusagen als Instinkt, dass irgendetwas komisch ist.

Calpurnia als die weibliche Seite eines gespaltenen Cäsar?

Die weibliche und vor allem die menschliche Seite, die im Gegensatz zur Herrscherseite steht.

Könnte man sagen: Hätte Cäsar mal lieber auf seine Frau oder weibliche Seite gehört, dann wäre der Mord nicht passiert?

Cäsar sagt einmal: „Warum soll ich den Tod fürchten? Der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll.“ Wäre sie nicht ins Kapitol gegangen, wäre sie vielleicht zu Hause ausgerutscht. (Lacht.) Sie hat gewusst, dass es passiert und konnte es nicht verhindern. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht.

Das Gespräch führte Veronika Stangl.

Premiere ist am kommenden Samstag, 19.30 Uhr; Karten unter Telefon 089/ 523 46 55.

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