Premiere am Staatsschauspiel: Buben-Spiel vor der Schlacht

München - Wenn der Krieg schon ein Kinderspiel sein soll, dann zumindest ein düsteres. Darum füllt auch schwarzer Kies den Bühnen-Sandkasten, aus dem ein Klettergerüst samt Schaukel und Karussell windschief herausragt.

So wohltuend verfremdet sieht die „Leere Stadt“ aus in Alexander Nerlichs Inszenierung von Dejan Dukovskis gleichnamigem Stationendrama am Bayerischen Staatsschauspiel (Marstall).

Der mazedonische Erfolgsautor schildert da, wie sich zwei Brüder im Krieg auf dem Balkan nach langer Zeit wieder in einer evakuierten Stadt begegnen. Als Angehörige gegnerischer Armeen sind sie Feinde, aber in der letzten Nacht vor einer Schlacht spielen sie gemeinsam noch einmal wie Buben ihre unerfüllten Wünsche und Hoffnungen durch: die Sehnsucht nach New York, die Liebe zu Maria. Dabei führt sie der Weg in die verlassene Bank, ins Spielcasino, Bordell, Theater und die Kirche der menschenleeren Stadt. Dem peinlich-herben Pathos, mit dem der Autor den Krieg hier als großes Welttheater aufbläht und zugleich als lauschige Loser-Idylle verharmlost, hat der Regisseur klug misstraut.

Nerlich, der am Staatsschauspiel schon mehrfach sein Können unter Beweis stellte, bricht in der deutschsprachigen Erstaufführung den schwülstigen Symbolismus des Stücks, indem er es zur komischen, aber auch poetisch-surrealen Groteske hochschraubt: Da sieht man in stimmungsvoll ausgeleuchteten Bildern, wie sich die beiden martialischen Helden beim Beutezug durch die leere Stadt in geschmacklose Anzüge und Hawaiihemden schmeißen, ehe sie Champagner aus der Flasche saufen, Kaviar wie Müsli aus der Dose löffeln oder in Frauenkleidern Julia und Ophelia mimen. Den „Helden“-Darstellern Marcus Calvin und Felix Klare gelingt es dabei, die Krieger immer wieder aus ihren Macho-Posen in die flattrig-zarte Ratlosigkeit unfreiwilliger Clowns kippen zu lassen.

In solchen Verfremdungen schafft die Inszenierung, was der Text vergeblich versucht: eine Ahnung des Irrsinns aufflackern zu lassen, den jeder Krieg darstellt, weil er immer ein Bruderkrieg ist. Nur der Schluss, wenn die Brüder vereint der Schlacht zum Opfer fallen, gerät dann doch furchtbar effektvoll und kitschig: Da wird ein wohltemperierter Klangteppich aus Geschützdonner und Maschinengewehrsalven über die Szene gebreitet. Und während die beiden Helden im Stil von „Ich hatt’ einen Kameraden“ tot auf der Bühne liegen, sieht man im Video, wie sie nackt in den malerisch rot beleuchteten Fluss der Unterwelt waten. So schön kann der Heldentod sein, wenn Krieg bloß ein Kinderspiel ist.

Weitere Aufführungen: 19., 22., 29.12. sowie 11. und 12.1.; Tel. 089/ 2185-1940.

Alexander Altmann

Die Besetzung

Regie: Alexander Nerlich.

Bühne: Matthias Schaller.

Kostüme: Christiane Sedelmayer.

Musik: Malte Preuss.

Video: Meike Ebert, Jana Schatz.

arsteller: Marcus Calvin, Felix Klare.

Die Handlung

Im Krieg treffen sich nach langer Trennung zwei Brüder in einer menschenleeren Stadt. Als Angehörige gegnerischer Armeen sind sie Feinde, aber in der letzten Nacht vor einer Schlacht spielen sie gemeinsam noch einmal ihre Wünsche und Hoffnungen durch.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare