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Wo ist er bloß hin, der Tischtennisball? Edmund Telgenkämper, Svenja Liesau, Anja Schneider und Max Simonischek (v. li.) beschwören einen Abend am Badesee in den Achtzigerjahren herauf.

Premierenkritik

Weiter, immer weiter

München - Armin Petras hat an den Kammerspielen die Uraufführung seines Stücks „Buch (5 Ingredientes de la vida)“ inszeniert. Lesen Sie hier die Kritik:

Hineingestoßen wird der Mensch in diese Welt, nahezu hilflos bringt er die ersten Kapitel im Buch seines Lebens hinter sich. Später dann, sich seiner selbst bewusst, stellt er sich vielleicht die Frage, was das Dasein ausmache. Fünf Zutaten sind’s, konstatiert Fritz Kater alias Armin Petras in seinem neuen Stück „Buch (5 Ingredientes de la vida)“: Utopie, Phantasie, das Gegensatzpaar Liebe und Tod, Instinkt, Sorge. Der Schauspiel-Intendant des Stuttgarter Staatstheaters hat selbst die Uraufführung seines Textes inszeniert, eine Koproduktion seines Hauses mit den Münchner Kammerspielen. Hier war am Freitag Premiere.

Wie hineingeworfen wirken auch die Zuschauer in die dunkle Spielhalle des Theaters: Petras entfaltet mit sechs Schauspielern und einem Musiker in der etwas mehr als vier Stunden langen Inszenierung (eine Pause) ein überreiches Panorama aus Schauspiel, Performance, Tanz, Musik, Video und Happening. Das Konzept ist fordernd wie das Leben selbst. Doch fehlt der Fokus, daher ist der Abend oft zäh und enervierend. Die Massivität des Textes kann zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Buch (5 Ingredientes de la vida)“ inhaltlich ein Dünndruck ist – aufgeblasen, ohne wirkliche Substanz, reichlich banal. Ein (Lebens-)Zeit fressendes Monster. Trotz Befindlichkeitsberichten gelingt es Katers Vorlage kaum, Interesse an Figuren oder Themen zu wecken. Vieles wird angetippt, nichts vertieft: Weiter wabert der Text, immer weiter.

Die erzwungenen Stellungswechsel im Publikum (stehend, gehend, sitzend auf Holzbänken ohne Lehnen, die von Technikern immer wieder neu positioniert werden) verändern zwar die Richtung der Blicke; dennoch bleibt der Perspektivwechsel aus. Unruhe – hereingebracht etwa durch Bühnenarbeiter, die bei Umbau oder Reinigung der Spielfläche Zuschauer anrempeln – verhindert zudem Konzentration.

Dabei birgt die Vorlage auch gute Ansätze: Im ersten Komplex, „Utopie“, ist auf vier Videoleinwänden eine Männerrunde im Jahr 1966 zu erleben, die über eine glorreiche Zukunft der Menschheit im Weltall schwadroniert, während sich Frauen in Playboy-Bunny-Kostümen zu Dekozwecken räkeln. Danach liefern sich in „Phantasie“ Ursula Werner und Thomas Schmauser als Geschwister, die an einem Bahnsteig im Winter auf die Mutter warten, einen rührenden Dialog quer durch die Halle. Hier blitzt eine Intensität auf, die sich nicht mehr einstellen wird an diesem Abend – selbst nicht an dessen Ende: Obwohl die Sorge um das todkranke Kind ein Paar (Schmauser und Anja Schneider) dann an den Rand des Wahnsinns treibt.

Den süffigsten Teil der Inszenierung bilden jene Szenen, die im Osten Deutschlands in den Achtzigern spielen. Ein alkoholkranker Vater (so eindrucksvoll wie vergeblich im Wust des Ganzen: Ursula Werner) formuliert – gleich einer Figur von Beckett – seine letzten Gedanken, während sein pubertierender Sohn das Leben und die Liebe erforscht: Wie um ein Lagerfeuer sitzt das Publikum um die Spielfläche, während Svenja Liesau, Anja Schneider, Max Simonischek und Edmund Telgenkämper eine Zeit heraufbeschwören, in der die Träume so stark waren, dass aus einem Schluck Wasser, mitgebracht in einer Plastiktüte, eine aufregende Nacht am Badesee werden konnte.

„Instinkt“, der darstellerisch spannendste, doch inhaltlich schwächste Komplex, erzählt von einer Elefantenkuh in Afrika, die auf eine sich verändernde Umwelt reagiert. In Staub und fahlem Licht entwickeln Liesau, Simonischek und Telgenkämper eine eindrucksvolle animalische Choreografie – an die Katers mauer Text nie heranreicht.

Am Ende dennoch freundlicher Applaus.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 16., 17., 22. und 27. April;

Telefon 089/ 233 966 00.

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