Ideen für den Weihnachtseinkauf

Geschenktipps zu Weihnachten unserer Kritiker

München - Noch immer keine Idee, was man unter dem Baum drapieren könnte? Auch, weil der oder die Auserwählte schon alles hat? Unsere Kultur-Redaktion hat einige Vorschläge.

Husarenstück

Das Geld ist weg, die Liebe auch und das Glück sowieso. Das Ehepaar Marion und Art hebt an zum verzweifelten, aberwitzigen Versuch, sich zurückzuholen, was ein unbarmherziges Wirtschaftssystem ihnen genommen hat. Sie kratzen ihr letztes Geld zusammen und zocken im Casino. Ein finaler Kampf um einen Platz in der Gesellschaft und die eigene Ehe. Wie O’Nan es schafft, das wunderbar beiläufig und glaubwürdig zu beschreiben, ist ein Husarenstück. Eine warmherzige Obduktion einer erkalteten Liebe, die sogar Hoffnung macht. ZORAN GOJIC

Stewart O’Nan: „Die Chance“. Rowohlt, 224 Seiten; 19,95 Euro.

Was für eine Nacht

Es ist die Nacht vor dem jährlichen Annenfest im fiktiven Fürstenfelde in der Uckermark. Ein Dorf, an dem die Globalisierung vorbeigegangen zu sein scheint. Dennoch: ein Ort mit Geschichte und Geschichten. Sasˇa Stanisˇic´ , 1978 in Bosnien-Herzegowina geboren und seit 1992 in Deutschland zuhause, hat sie aufgeschrieben. In einer wundersamen, traumwandlerisch sicheren Sprache begleitet er Menschen und Tiere durch diese Nacht, erzählt etwa von der Malerin Kranz, von Frau Schwermuth, der Chronistin des Orts, vom Ex-NVA-Oberstleutnant Schramm, der nicht mehr mag – und doch Hoffnung schöpft, und von einer Fähe auf Nahrungssuche. Dieser faszinierende Roman spielt zwar in einer einzigen Nacht – und berichtet doch vom Leben selbst in seinen vielen Facetten. „Es gehen mehr tot, als geboren werden“, heißt es zu Beginn; ein Mann ist ertrunken. „Der Fährmann war ein guter Erzähler.“ Möglich, dass Saša Stanišić´ dessen bester Schüler war. MICHAEL SCHLEICHER

Saša Stanišić: „Vor dem Fest“. Luchterhand, 316 Seiten; 19,99 Euro.

Prachtband

Der Katalog zur Ausstellung „Canaletto – Bernardo Bellotto malt Europa“ in der Alten Pinakothek ist ein so schöner wie kluger Prachtband geworden – keiner dieser Vorzeige- Wälzer. Natürlich bekommt man die nötigen Bildinformationen, aber eben auch viele Geschichten rundherum: Wie funktioniert ein Stadtbildnis im System der Schloss-Ausstattung? Wie hat es der venezianische Maler angestellt, zum Beispiel München so präzise wiederzugeben? Und warum stehen im Nymphenburger Schlosspark goldene Statuen? SIMONE DATTENBERGER

Andreas Schumacher: „Canaletto“. Hirmer, 358 Seiten; 39,90 Euro (im Museum).

Im Zwielicht

Die Bücher von Nobelpreisträger Patrick Modiano erinnern alle an einen Film noir: einsame, einfühlsame Männer und Frauen mit Geheimnis im Zwielicht. Da passt die sonore, mal sanft säuselnde, mal stahlhart schneidende Stimme von Ulrich Matthes hervorragend dazu. Er bringt in „Gräser der Nacht“ die komplizierte Beziehung der mysteriösen Dannie und Schriftsteller Jean erst richtig zum Leuchten. ULRIKE FRICK

Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“ (Hörbuch Hamburg).

Mozart auf Ecstasy

Für die einen ist er ein Genie, für die anderen ein Wahnsinniger. Teodor Currentzis, griechischer Dirigent mit Chefposten im russischen Perm, ist der gefürchtetste Probenpuzzler weltweit. Die Ergebnisse sind (meist) überwältigend, so auch diese Gesamtaufnahme von „Così fan tutte“. Mozart auf Ecstasy, bestechend analytisch gearbeitet, präzise und energiereich, und das mit Sängern, die nicht ihr Ego zu Klang werden lassen, sondern ein echtes, homogenes Ensemble bilden. Dramatik wird dabei nicht zum Selbstzweck: So doppel- und dreifachbödig, wie Currentzis & Co. das alles realisieren, braucht man eigentlich keine Inszenierung. Dazu gibt es ruhige Nummern, die man auf CD (und live) wohl noch nie so tränentreibend schön gehört hat. Die Opernsensation des Jahres 2014. MARKUS THIEL

Wolfgang Amadeus Mozart: „Così fan tutte“. MusicAeterna, Teodor Currentzis (Sony).

Im Vogelland

Schon der samtene Einband gibt Lesern ab elf Jahren einen Hinweis darauf, wie feinfühlig Hannele Huovi diese fantastische Reise im Land der Vögel gestaltet hat. Die schüchterne Eleisa und der Sohn des Vogelkönigs, der aufgeblasene Falke, hatten sich gegenseitig nicht genug respektiert, zur Strafe werden sie magisch aneinander gekettet. Kann eine Wildhexe den Zauber lösen? Huovi erzählt das mit Poesie und Charme. ANGELIKA MAYR

Hannele Huovi: „Die Federkette“. Hanser, 240 Seiten; 14,90 Euro.

Lennon lebt

Vor 34 Jahren wurde John Lennon ermordet – doch sein Genius lebt weiter. Sean Lennon, Sohn von Yoko Ono und John, kann sich den Luxus leisten, auf Ruhm und Geld zu verzichten. Stattdessen spielt er mit Künstlerfreunden die Musik, die ihm Spaß macht. Und die klingt fantastisch! „Midnight Sun“, die CD der Band The Goastt, schafft das Wunder, verschrobenen Psychedelic- Sound mit großartigen beatlesken Ohrwürmern zu verbinden. JÖRG HEINRICH

The Goastt: „Midnight Sun“ (Chimera).

Über ausgestorbene Wörter

Mit den Dingen sterben die Vokabeln, auch so manche Berufsbezeichnung hat längst ausgedient. Wer heute noch vom „Bandsalat“ spricht, wird vom Nachwuchs nicht verstanden, besser nicht mehr gebrauchen sollte man einen Begriff wie „Kindergartentante“. „Muckefuck & Sendeschluss“ erinnert an „Wörter außer Betrieb“. Von A wie „Abort“ bis Z wie „Zwist“ wird in humorigem Ton die Herkunft aussterbenden oder ausgestorbenen Wortschatzes erklärt. Ein Bändchen für alle, die die deutsche Sprache lieben. Sie werden feststellen, dass vieles vermeintlich „Altfränkische“ nie aus der Mode kommt. Es wird also wohl bis in alle Ewigkeit etwas serviert werden, das den Namen „Herrengedeck“ verdient, und es wird immer einen Ort geben, auf den das Wort „Raucherabteil“ passt. RUDOLF OGIERMANN

Nikolai Kinast: „Muckefuck & Sendeschluss“. Langenscheidt Verlag, 112 Seiten; 9,90 Euro.

Teenie-Drama

Die Klamotten sind schrill, die Frisuren sowieso. Dennoch wäre es ein Fehler, Jonathan Kaplans 70er-Teenagerfilm „Wut im Bauch“ als gestrig einzustufen. Allein die Tatsache, dass Matt Dillon sein Kinodebüt gab, verleiht der Saga um den Kampf gegen väterliche Autoritäten Klassikerstatus. Dazu kommt der Soundtrack mit Songs der Cars oder der Ramones. Besonders aber bezaubern die liebevoll gezeichneten Teenie-Charaktere. KATRIN HILDEBRAND

Jonathan Kaplan: „Wut im Bauch“ (Alive).

Bratschen-Tänze

Nils Mönkemeyer ist immer für eine Überraschung gut: Der Bratschist präsentiert mit fünf Kollegen Spanisches, das sofort ins Blut geht. Kein Wunder, bedienten sich doch Komponisten wie Santiago de Murcia, Antonio Soler, Gasparo Sanz oder José de Nebra gern bei Tanzmusik und Volkslied. Mönkemeyer adaptierte manches, das für Gitarre oder Cembalo geschrieben wurde, für seine Bratsche. Er lässt sie singen, rhythmisch auftrumpfen oder mit Boccherini Madrid bei Nacht schillern. Hinreißend. GABRIELE LUSTER

Nils Mönkemeyer: „Barrocco Español“ (Sony).

Starke Nerven gefragt

Spätestens am Ende von CD eins stehen alle Nackenhaare. Der Satz, der da fällt, bringt echte Spannung. Und auch ansonsten benötigt man starke Nerven für dieses Hörbuch von Wolfgang Schorlaus Krimi „Am zwölften Tag“. Darin gerät Privatdetektiv Georg Dengler in die Welt von Menschenhandel, Tierquälerei und käuflicher Politik. Dank der hervorragenden Lesung von Sebastian Koch hört man dem teilweise kaum erträglichen Geschehen von Minute 1 bis 287 gebannt zu. Koch gelingt virtuos der Wechsel zwischen den verschiedenen Figuren. Zugegeben: Dieser Krimi, der die hässliche Wahrheit der Massentierhaltung aufdeckt, ist nicht gerade die geeignete Einstimmung auf friedvolle Weihnachtstage. Doch genau richtig für den Tag nach dem Fest – denn nach dieser Lesung steht der Vorsatz fürs neue Jahr fest: bewussterer Umgang mit dem, was auf unseren Tellern liegt. KATJA KRAFT

Wolfgang Schorlau: „Am zwölften Tag“ (Random House Audio).

Wahn und Ironie

Größenwahn und Selbstironie wird bei Helmut Krausser in den tagebuchartigen „Deutschlandreisen“ zur Legierung von unwiderstehlicher Komik verschmolzen: „Gedanke, daß Mädchen vielleicht gnadenlos überschätzt werden. Gäb es kein Testosteron, Mädchen würden kaum wahrgenommen werden.“ Was der Ex-Münchner, der in Potsdam lebt, bei Lesungen erfährt, fügt sich hier zum vergnüglichen Selbstporträt nach dem Muster Stadt-Land- Ich. ALEXANDER ALTMANN

Helmut Krausser: „Deutschlandreisen“. Du- Mont, 302 Seiten; 19,99 Euro.

Trio mit Visionen

Bei Alex Capus ist einfach alles perfekt: Sprache, Beobachtungsgabe und das Geschichtsfundament. Seine drei Figuren sind es nicht: Ein Atombomben-Experte, eine Musikerin und Spionin sowie ein Künstler loten ihre Chancen um den Zweiten Weltkrieg herum aus. Ein wunderbares Bild dessen, was Europa war und ist, zwischen Visionen und täglichem Scheitern. Und eines der besten Hörbücher seit langem, auch dank Ulrich Noethen. FREIA OLIV

Alex Capus: „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ (Hörverlag).

Kunst und Glamour

Jean-Baptiste Mondino ist Kult. Seine Fashionfotos und Ablichtungen der Schönen und Berühmten haben die heutige Glamourwelt geprägt. Mondino, 1949 im französischen Aubervilliers geboren, bildet aber nicht einfach nur gestylte Menschen ab. Vielmehr erzählen seine Bilder immer eine Hintergrundgeschichte. Im neuen Fotoband „Three at Last“ steckt George Clooney in einem Anzug, doch alles ist vollgespritzt mit Malfarbe. Sharon Stone, leicht bekleidet und von weißen Rosen umflort, hat bloß einen guten Freund: das gefüllte Champagnerglas. Daniel Craig hat Blut im Gesicht und an den Händen, nuckelt dabei verträumt an einer Zigarette. Und Catherine Deneuve erholt sich am Sofa von einer exzessiven Party. Kein Zweifel: Dieser Mondino- Fotoband ist das ultimative Geschenk für all jene, die Glamour mit Kunst verbinden. ANDREAS PUFF-TROJAN

Jean Baptiste Mondino: „Three at Last“. Schirmer/ Mosel, 304 Seiten; 78 Euro.

Dirigier-Gott

Die Münchner waren in der glücklichen Situation, Carlos Kleiber häufig erleben zu dürfen. Sonst hat er sich rar gemacht. Umso wertvoller, ja einzigartig ist dieses nun auf DVD vorliegende Dokument, das den Klangtüftler bei der Arbeit mit dem Stuttgarter Radio- Sinfonieorchester zeigt. Durch anschauliche Vergleiche verdeutlicht er seine Sicht auf die Ouvertüren zu „Freischütz“ und „Fledermaus“. Ungewohnt intime Einblicke in die Welt des Dirigier- Gottes. MAXIMILIAN MAIER

Carlos Kleiber: „In Rehearsal & Performance“ (Euroarts).

Der Klassiker

Ein kolossales Sittengemälde im Umfeld der russischen Oktoberrevolution ist in Pasternaks „Doktor Schiwago“ mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Gerade im Winter, wenn man Zeit hat zuzuhören, ist das über vierstündige Hörspiel von 1956 eine wunderbare Entdeckung. Unter der Regie von Otto Kurth und unter Ägide von Gert Westphal entfaltet der Klassiker ein großartiges Gesellschaftspanorama. Mit den Stimmen von Joana Maria Gorvin, Lola Müthel, Bernhard Minetti und Klausjürgen Wussow ist er opulent besetzt. HILDEGARD LORENZ

Boris Pasternak: „Doktor Schiwago“ (Hörverlag).

Wahre Freundschaft

Im Sommer 1919 heftet der Kriegsheld Jacques Morlac bei der Parade zum französischen Nationalfeiertag den ihm verliehenen Tapferkeitsorden seinem Hund an das Halsband – und landet für diesen Frevel im Gefängnis. Dort sitzt der einfache Soldat dem adligen Richter Lantier de Grez gegenüber. Der muss seinen Standesdünkel über Bord werfen, um das Geheimnis dieses eigenwilligen Mannes zu lüften. Basierend auf einer wahren Begebenheit hat der Mitbegründer von „Ärzte ohne Grenzen“, der Diplomat und preisgekrönte Schriftsteller Jean-Christophe Rufin, seinen Beitrag zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg geliefert: eine gelegentlich etwas moralisierende, dabei aber humorvolle und anrührende Geschichte über echte Helden und wahre Freundschaft. Liebevoll illustriert, ist das Buch auch optisch ein schönes Geschenk – und das nicht nur für Hundefreunde. NICOLE LANGENBACH

Jean-Christophe Rufin: „Das rote Halsband“. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens, illustriert von Carla Nagel, Bertelsmann, 176 Seiten; 12 Euro.

Ballett-Revolution

Für Nurejew-Verehrer und solche, die es werden wollen: In Sonja Paramos DVD-Zusammenstellung von Tanzszenen und Interviews mit Kollegen und Lehrern lernt man den 1993 an Aids verstorbenen russischen Exil-Ballerino Rudolf Nurejew ein Stück näher kennen: diesen Jahrhundert- Künstler, der mit seiner animalischen erotischen Präsenz die Ballettwelt revolutionierte, auch den zwischen Arroganz, liebenswertem Humor, eiserner Arbeitsdisziplin und frei ausgelebter Sexualität widersprüchlichen Charakter. MALVE GRADINGER

Sonja Paramo: „Rudolf Nureyev-Celestial Attraction“(Arthaus Musik).

Rubriklistenbild: © dpa

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