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Ein US-Bestsellerbuch argumentiert mit intellektueller Brillanz gegen den radikalen Religionskritiker Richard Dawkins.

Kritik am neuen Atheismus

Kontra Dawkins: So viel Vernunft steckt im Glauben

München - Religion und Vernunft haben nichts miteinander zu tun - behauptet der radikale Religionskritiker Richard Dawkins. Ein US-Bestsellerbuch, das mit intellektueller Brillanz die Gegethese vertritt, ist jetzt auf Deutsch erscheinen.

Wie kommt es, das aktuell ein Buch erschienen ist, das den Anspruch erhebt, ein Werk zu widerlegen, das bereits sechs Jahre auf dem Buckel hat? Besagter Bestseller ist der "Gotteswahn" des Biologen Richard Dawkins, eine massive Polemik gegen die Religion im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Besonderen.

Nun ist es nicht so, dass Dawkins Werk bis heute unwidersporchen geblieben wäre. Das Buch erntete rasch auch vernichtende Kritiken: Dawkins stelle ein Zerrbild der Religion dar, wurde ihm vorgeworfen. Außerdem propagiere er einen vermeintlich unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Glaube, der sich bei näherem Hinsehen vielmehr als Gegensatz zwischen den beiden philosophischen Systemen des Materialismus und Theismus darstelle. Somit argumentiere Dawkins nicht mit DER Naturwissenschaft an sich, sondern mit einer materialistischen Weltsicht, die er an die Naturwissenschaft herantrage. Zumal, so ein weiterer Kritikpunkt, offenbare der brillante Rhetoriker Dawkins in punkto Philosophie und Theologie eklatante Wissenslücken.

Allerdings waren die Repliken kontra Dawkins bislang meist von Theologen verfasst und nicht selten mit sperriger Fachsprache gefüllt. Leider besitzt nicht jeder Theologe die beeidnruckende sprachliche Klarheit eines Papst Benedikt XVI. Ein Beispiel dieser Kategorie: "Dawkins" Gotteswahn. 15 kritische Antworten auf seine atheistische Mission" aus dem Jahr 2010. Ein durchdachtes und kluges Werk, dem allerdings durch verschachteltes Theologendeutsch ein Massenzugang verwehrt blieb. Zumal eines der Kapitel sogar noch in englischer Sprach verfasst ist. Für den universitären Gebrauch ist dies kein Problem. Für den Massenmarkt aber fatal. 

Zugänglichere englische Literatur

Anders sieht es in den USA und Großbritannien aus: Dort sind zahlreiche leicht zugängliche Bücher erschienen, die auch intellektuell brillant gegen Dawkins und andere Atheisten argumentieren. Hervorzuheben sind in erster Linie "What's So Great about Christianity" von Dinesh D'Souza, "On Guard: Defending Your Faith with Reason and Precision" von William Lane Craig und Paul Copan oder "The 'New' Atheism: 10 Arguments That Don't Hold Water" von Michael Poole. Eine deutsche Übersetzung blieb diesen Titeln bislang leider verwehrt.

Nun - nach über vier Jahren - erscheint in deutscher Sprache auch "Antwort auf den neuen Atheismus: Gegen Richard Dawkins’ Gottesleugnung" der beiden Theologieprofessoren Scott Hahn und Benjamin Wilker. In den USA gilt es als eines der Standardwerke zur Auseinandersetzung mit dem "neuen Atheismus".

Ein großes Manko hat die deutsche Übersetzung allerdings. Leider fehlt das grandiose Cover des US-Originals. Dieses ist eine Karrikatur, die im Stile von Michelangelos "Die Erschaffung Adams" einen nackten Dawkins zeigt, dessen Intimbereich lediglich mit einer Ausgabe des "Gotteswahns" zugedeckt ist. Im Gegensatz zu Michelangelos Adam, der Gott seinen Finger entgegenstreckt, macht Dawkins hebt Dakins auf belehrende und abwehrende Art seine Hand.

Nun nimmt dieses gestalterische Manko der intellektuellen Klasse des Buches nichts. Scott Hahn und Benjamin Wiker greifen sachlich die Dawkins' Kernthesen und untersuchen sie auf ihre Tragfähigkeit hin. Und genau in diesem Ansatz liegt die Stärke des Buches: Hahn und Wilker schleudern Dawkins keine Bibelverse an den Kopf sondern sie sezieren seine Argumente mit strenger Logik.

Etwa die Behauptung, wonach die Evolutionstheorie den Glauben an einen Schöpfer längst überflüssig gemacht habe. Schließlich funktioniere die Evolution wie ein "blinder Uhrmacher" der durch zufällige Mutationen und natürliche Selektion aus einfachen Lebensformen hochentwickeltes Leben entstehen lasse. Ein Schöpfergott sei damit doch widerlegt.  

Wirklich? Hahn und Wilker werfen Dawkins vor, dass sein Argument nur so lange funktioniere, wie er darauf verzichtet, die Evolution zu hinterfragen. Und zwar nicht wie Kreationisten, die die Evolutionstheorie widerlegen wollen. Sondern im Hinblick darauf, welche Bedingungen eigentlich erfüllt sein müssen, dass Evolution überhaupt möglich sei.  

Das "anthropische Prinzip"

In diesem Zusammenhang werfen die Autoren einen genaueren Blick auf das sogenannte "anthropische Prinzip" , welches Dawkins beiläufig abtut. Dieses Prinzip besagt: Damit das Universum Leben hervorbringen konnte, muss es bestimmte Bedingungen hinsichtlich der physikalischen Gesetze erfüllen. Diese wiederum müssen bis auf ein Tausendstel Milliardstel abgestimmt sein. Anderenfalls ergäben sich Universen, die kein Leben hervorbringen können.

Dawkins meint hierzu sinngemäß: "Na und? Wir leben halt in eben diesem Universum, das Leben möglich macht. Was sagt das schon über Planung aus?" Diese Argumentation entspricht ungefähr jemandem, der vor einem tausendköpfigen Erschießungskommando steht, aus dem nach dem Feuerbefehl jeder Schütze danebenschießt. Und der hinterher sagt: "Na und? Was sagt das jetzt über ein Komplott aus, wonach ich überleben sollte? Hätten die alle nicht danebengeschossen, würde ich halt nicht mehr leben." So jemand würde mit ziemlicher Sicherheit Verwunderung ernten - milde ausgedrückt. Und das Beispiel mit dem Erschießungskommando ist von seiner Wahrscheinlichkeit her nicht annähernd mit der Wahrscheinlichkeit eines Universums, das Leben ermöglicht, zu vergleichen.

Der Physiker Arno Penzias, der den Nobelpreis für Entdeckung der kosmischen Hintergrundsstrahlung bekam, meint zum anthropischen Prinzip: "Die Astronomie führt uns zu einem einzigartigen Ereignis, einem Universum, das aus dem Nichts geschaffen wurde, eines mit der minutiösen Ausgewogenheit, die notwendig ist, um genau die richtigen Bedingungen zum Leben herzustellen, und eines, das einen zugrunde liegenden (man könnte sagen, übernatürlichen) Bauplan hat."

Und nur solch ein Universum ermöglicht auch eine Evolution, mit deren Theorie, wie Hahn und Wilker betonen, Katholiken auch kein Problem haben, die die biblische Schöpfungsgeschichte allegorisch Lesen. Und schon ist der planende Schöpfer wieder im Spiel. Denn wer außer Gott soll die beste aller möglichen Welten ausgewählt haben?

Unverständliche Verständlichkeit?

Hahn und Wiker vertreten zudem ein Argument, das Papst Benedikt XVI. in seiner - wegen eines Zitats zum Propheten Mohammed - viel kritisierten Regensburger Rede von 2006, gebracht hatte. Der Papst hatte darauf hingewiesen, dass auch der Naturwissenschaftler selbst einen Glauben braucht. Nämlich denjenigen an eine objektive, rationale Realität, deren Struktur der Vernunft in unserem Kopf entspricht und somit von dieser erkannt werden kann.

2006 betonte der Papst: "Sie selber [die Naturwissenschaft; Anm. d. Red.] muß die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muß von der Naturwissenschaft weitergegeben werden an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie."

Physik-Genie Albert Einstein meinte zu der vom Papst aufgeworfenen Frage einst: "Das Unverständliche an der Welt ist ihre Verständlichkeit".

Ein Christ begegnet dieser Frage mit der Annahme, dass Verstehen der Welt und ihr Erforschen möglich ist, weil ein vernünftiger Gott einen mit Vernunft begabten Menschen erschaffen hat (was in der Bibel heißt "nach seinem Abbild") - und das Universum nach eben jener Vernunft eingerichtet hat, die er auch den Menschen mitgegeben hat.

Christlicher Glaube ist somit alles andere als blind und eine Wahnvorstellung - das ist die Kernthese von Hahn und Wilker. Wer mehr dazu erfahren will, dem sei dieses lesenswerte Buch ans Herz gelegt.

Scott Hahn und Benjamin Wiker: "Antwort auf den neuen Atheismus", Media Maria Verlag 2012, 208 Seiten

fro

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