So wie es im Buche steht

Zehn Stunden "Wallenstein": - Sieg für Friedrich Schiller. Und Sieg auch für Peter Stein, der es wagte und in einem gewaltigen Marathon schaffte, den ganzen "Wallenstein" auf die Bühne zu bringen. Sozusagen ein Event, zu dem nun alle nach Berlin-Neukölln pilgern mögen. Denn inmitten dieses in sozialem Verruf stehenden Stadtteils spielt sich in der ehemaligen, eigens für dieses Spektakel umgebauten Halle der Kindl-Brauerei die zehnstündige Aufführung der Trilogie ab. Wort für Wort, Vers für Vers, von "Wallensteins Lager" über "Die Piccolomini" bis zu "Wallensteins Tod".

Eine theatrale Großtat des jeden Selbstzweifel überwindenden Regisseurs, der schon mit der Mega-Produktion beider "Faust"-Teile alle Hemmungen beiseite geschoben und den Text des Dichters so, wie er im Buche steht, inszeniert hat. Das, na klar, ist auch jetzt wieder ein immenser Verdienst. Stein stellt sich trotzig gegen das streichwütige, hinzuerfindende, meist überhebliche Konzepttheater der jüngeren Regie-Generation. Demonstrativ lässt er dem Dichter den Vortritt, verschwindet hinter ihm, um ohne "Zutaten" den Text zum Leuchten zu bringen.

Wenn man den Jubel der 1200, freilich nach zehn Stunden auch erschöpften Premierenzuschauer deutet, ist ihm das alles aufs Schönste gelungen. Erstaunlich ist nach einem solchen Theatertag die Feststellung: Es kommt gar nicht so sehr darauf, wie "modern" eine Inszenierung ist und wie gut die Schauspieler sind. Schillers genialer Text ergreift so oder so das Publikum; die Dialoge, die politischen und individuellen Konflikte der Figuren halten es zehn Stunden lang bei der Stange. Denn dieser Stoff aus der Mitte des Dreißigjährigen Krieges - der Widerstreit zwischen Politik und Moral, Herz und Kalkül und die Frage, wann und in wessen Augen eine politische Handlung zum Verrat wird ­, dieser Stoff ist von immer währender, erstaunlicher Aktualität.

Scheitern inbegriffen. So wie Wallenstein abstürzt, wie er fällt über seine eigene Größe, wie er sich den falschen Vertrauten, also der Stasi des Kaisers, zum Abstechen hingibt, so scheitert auch der Künstler Peter Stein an diesem Projekt. Mit der eitlen Geste des Bescheidenen verweist er sich, seine Protagonisten und den ganzen Regietheaterzirkus von heute auf ihre Plätze. Und die liegen weit, weit hinter Schiller.

Das beginnt schon mit dem wunderbaren Prolog. Walter Schmidinger, der große Alte, darf ihn sprechen - und versemmelt ihn vor lauter Aufregung katastrophal. Dann, nach dem Schlusswort "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst", sofort der erste Teil, "Wallensteins Lager". Böhmen ist der Schauplatz. Winter. Die Bühne ist voller Kunstschnee. Soldatengejohle, Marketenderin-Zelt, sich balgende Kinder, es wird überm Feuer gekocht, auf einer Trommel gewürfelt, es wird gesoffen und gesungen, geprügelt, gepredigt und getanzt. Und ganz viel in Knittelversen geknattert.

Als ein altes Genre-Gemälde wirft Peter Stein das "Lager" auf die durch große Schiebewände veränderbare und immer wieder neue Räume schaffende Breitwandbühne. Kostüme wie aus der Stilkunde des 17. Jahrhunderts. Es tümelt arg in diesem ersten Teil. Und wenn am Ende die Freiheit der Soldaten besungen wird - alle Euphorie so weit wie möglich vermeidend ­, macht sich angesichts der gerade am Premierentag in den Medien vermeldeten drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan doch ein mulmiges Gefühl breit.

Auf "Wallensteins Lager" könne eine Inszenierung verzichten. So die Meinung vieler. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Dieses Vorspiel wird gebraucht, um hinzuführen auf den Stand der Dinge. Hier wird vorgeführt die aus aller Herren Länder stammende Armee des kaiserlichen Generalissimus Wallenstein, seine zusammengekauften Mannen, die nur ihm Untertan sind, freiwillig, weil er sie gut bezahlt, die sich um den Kaiser in Wien nicht scheren.

Womit aber nun der Konflikt beginnt. Der Feldherr hat Frau und Tochter kommen lassen, Großes steht bevor, der Wechsel zum Kriegsgegner Schweden ist geplant, noch aber zögert Wallenstein, ohne zu ahnen, dass Freund Octavio Piccolomini ein Agent des Kaisers ist und ihn politisch beerben wird.

Nun endlich zweiter und dritter Teil, "Die Piccolomini" und "Wallensteins Tod". Nun endlich die geschärften Dialoge der Heerführer. Endlich die frei geräumte Bühne. Und endlich die Protagonisten des Spiels. Allen voran natürlich Klaus Maria Brandauer als Wallenstein. Rotes Wams, schwarzer Ledermantel, ausgedünnte Langhaarperücke, die Rüstung kommt später. Sein erster Auftritt wie nebenbei von der Seite. Die Begegnung mit der Tochter. Selbstironisch spielt Brandauer das. Und mit schlauem Witz deutet er hier schon an, dass er sich Thekla (anmutig, aber zu wenig präsent: Friederike Becht) vorbehalte, um mit ihr in die ersten Königsfamilien Europas aufzusteigen.

Mit beißendem Hohn auch die Begegnung mit dem Gesandten des Kaisers, mit vertraulichem Humor der Umgang mit den Generälen. Brandauer gibt Wallenstein die Besessenheit eines Spielers. Zwischen "Die Macht ist mein" und "Wärs möglich? Könnt ich nicht mehr wie ich wollte?" liegt die geradezu kindliche Lust an der Lotterie des Schicksals. In all dem ist Brandauer in Hochform. Auch noch wenn er mit generöser Geste den Zuschauern den Satz zuwirft: "Den Samen legen wir in ihre Hände, ob Glück, ob Unglück aufgeht, lehrt das Ende."

Doch irgendwann passiert es. Wir sind erst in der Mitte von "Wallensteins Tod", es sind noch mindestens zweieinhalb Stunden und eine letzte Pause zu absolvieren - und Brandauer hat sein schauspielerisches Pulver verschossen. Da platziert ihn Peter Stein in der Mitte der weiten, offenen Bühne quasi als Standbild in Rüstung auf einen Sockel. Hier beginnt der Fall - des Generalissimus des Heeres wie auch des Stars dieser Truppe. Er ist nicht mehr interessant.

Nun steht in der Mitte Max Piccolomini, der Pappenheimer, der zwischen Liebe, Neigung und Pflicht hin- und hergerissene Jüngling. Stein stellt ihn zu Recht dorthin, denn Alexander Fehling, frisch von der Schauspielschule, nimmt von Anfang an in dieser schönsten und schwierigsten Rolle des Stücks für sich ein. Ebenso Peter Fitz, der einen gefährlichen, aber auch an der eigenen Situation leidenden Octavio Piccolomini spielt. Und ohnegleichen ist als schauspielerisches Schwergewicht Jürgen Holtz in der Rolle des alten Haudegen Buttler zu erleben.

Am Ende präsentiert Peter Stein den erstochenen Wallenstein wie ein Opfertier auf der Bühne. Und auch der intriganten Gräfin Terzky (sehr versiert: Elisabeth Rath) gestattet er, anders als beim Autor, auf offener Szene vergiftet hinzusinken. Das war dann doch zu viel des Guten. Stein hatte ja auch ohne diesen Effekt den Marathon-Sieg schon in der Tasche.

Bis 8. Juli

jeweils an den Wochenenden (14 Uhr) und wieder ab 25. August bis 7. Oktober (Tel. 030/ 284 08-155).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare