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Heimatroman und provokanter Kirchenkrimi: Der Schauplatz von Albert Ostermaiers autobiografischem Roman ist unschwer als St. Ottilien zu identifizieren

Buchkritik: Kloster unter der schwarzen Sonne

München - Am 7. Oktober wird am Bayerischen Staatsschauspiel sein Stück über Franz Josef Strauß, „Halali“, uraufgeführt. Und in seinem neuen Roman „Schwarze Sonne scheine“ nimmt sich Albert Ostermaier die katholische Kirche vor, insbesondere einen ihrer bayerischen Repräsentanten. Natürlich, das alles ist von einiger Brisanz.

„…und die Wirklichkeit war noch schlechter als der Traum, noch schäbiger, ein Schundroman, wie ihn niemand hätte ausdenken können, wenn er nicht riskieren wollte, für verrückt und durchgedreht gehalten zu werden. Abt, Kloster, Schüler, ja, gut, aber auch noch eine falsche Ärztin, auch noch Todeskrankheiten, Geld, nein, das war zu viel. Manuskript abgelehnt. Viel zu dick aufgetragen, das hat mit keiner vorstellbaren Realität irgendetwas zu tun.“

Albert Ostermaier

Doch da irrt sich die Hauptfigur, der junge, angehende Schriftsteller. Auch eine nicht vorstellbare Realität kann Realität sein. Zwanzig Jahre später jedenfalls wird sein Manuskript nicht abgelehnt, denn die Wirklichkeit hat sich zum Roman verdichtet. Der aber ist das Ergebnis eines Traumes, eines Narkosetraumes. Und so durchlässig im richtigen Leben die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit sind, so flirrend, schillernd, miteinander verwoben sind sie in diesem Buch. Albert Ostermaier (43), der Münchner Stückeschreiber, Lyriker und Romancier, hat mit „Schwarze Sonne scheine“ ein aufwühlendes, provokantes, so anrührendes wie erhellendes Prosawerk vorgelegt. Einen Heimatroman. Einen Medizin- und Kirchenkrimi. Eine verkappte Autobiografie. Angesiedelt zwischen München, dem Ammersee und einem Kloster. Hauptpersonen: Sebastian, der einmal ein Dichter sein wird, und Sylvester, der Lehrer, Freund, Vertraute und Abt. Erinnerungen, Rückblenden, scheinbare Gegenwart – die Narkose macht’s möglich.

Von einer Reise in den Jemen kommt der Ich-Erzähler krank nach Hause. Längst wieder genesen, wird er vom väterlichen Freund Sylvester gedrängt, sich noch einmal einer Untersuchung zu unterziehen, nämlich bei der vom Abt favorisierten Professorin Sybille Scher. Die stellt einen lebensbedrohlichen Virus fest. Ein halbes Jahr noch, dann sei er tot. Hilfe brächte einzig eine Reise nach Atlanta, wo man mit noch nicht genehmigten Mitteln und einer Lebertransplantation Heilung erzielen könnte. Jetzt, in der Not seines jungen Lebens, können einzig die ihm am nächsten stehenden Menschen helfen. Die Eltern, die sich fast demutsvoll ins Schicksal schicken. Die Freundin Klara, die in wundervoller Rationalität skeptisch bleibt gegenüber der Diagnose und ihn davor bewahrt, sich ganz dem Schmerz auszuliefern und dem katholischen Freund Sylvester dazu. Ihn nämlich, den Abt und Lehrer mit besonderer Neigung zum Jüngling aus wohlhabendem Haus, empfindet Sebastian als wichtigste Bezugsperson. Mit ihm hat er die Klassiker studiert und die moderne Literatur. Mit ihm hat er, noch als Schüler, seine ersten Gedicht-Lesungen durchgestanden und als gymnasialer Rocker konkurriert. Mit ihm hat er Venedig erforscht. Mit ihm ging er dinieren in Münchens feinsten italienischen Restaurants: Der Abt in Zivil winkte nach der Rechnung, der junge Dichter beglich sie mit seiner Kreditkarte beziehungsweise der seiner Eltern.

Eine Vertrautheit, die abrupt endet, weil sich der Kirchenmann den dringlichen Fragen Sebastians nach dem Verhältnis Sylvesters zur Ärztin entzieht und weil seine klösterliche Macht dem Dichter und seiner Familie zum Nachteil gereichen könnte. Die Wunde der Enttäuschung wird nie heilen. Erinnerungsfetzen und Geständnisse durchziehen – vor dem Hintergrund weltpolitischer Ereignisse – den Roman: Kirchenkritik und Glaubensbekenntnis, Selbstwahrnehmung und schriftstellerische Hinterfragung; eine Hommage an die Ammerseelandschaft, eine Reverenz an München, die „Weltstadt mit Herzkatheter“, an Dietls „Rossini“ und seinen „Baby Schimmerlos“ Franz Xaver Kroetz. Es gibt eine Hochzeit in Sanaa und romantisch verklärte Erfahrungen bei Besuchen in der „grimmig grauen Rumpelstilzchen-DDR, wo die Fettaugen auf den Suppen die Lippen überwachten“.

„Ich schau mich wund an der Wirklichkeit“, sagt der junge Autor einmal. Und man folgt seinem Blick nur zu gern. Denn auch stilistisch ist dieser Roman ein Genuss. Ostermaier beschreibt Zustände, wie ein Musiker Arien komponiert. Für pure Prosa mitunter zwar ein bisschen zu ausgeschmückt. Doch kann man als Leser kaum genug davon bekommen. Da dieser Roman auch eine Art Krimi darstellt, ist für Spannung gesorgt. Allerdings, und das könnte einigen Menschen einen Schreck einjagen, werden die Geheimnisse, die die wundersame Ärztin und ihren Befürworter, den prominenten Abt, betreffen, nicht gelöst.

Ostermaier entlässt seine Leser mit der vagen und doch naheliegenden Vermutung: Der Traum ist Wahrheit. So sind Personen und Plätze bald zu identifizieren: das Kloster als St. Ottilien, Ich-Erzähler Sebastian als der Autor selbst, und Abt Sylvester, der schnell mal zu den Benediktinern nach China jettet, als der inzwischen weltweit höchste Repräsentant des Benediktinerordens, der rockende Gottesmann Notker Wolf. Starker Tobak in einem starken, lyrischen Roman.

Albert Ostermaier: „Schwarze Sonne scheine“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 288 Seiten; 22,90 Euro.

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