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Buchkritik: Todesspiel in der Alpenfestung

München - Mit „Das finstere Tal" hat Thomas Willmann, Mitarbeiter unserer Zeitung, seinen starken Roman-Erstling vorgelegt, der heute erscheint. Eine düstere, blutige Geschichte aus den Alpen, die an den Nerven des Lesers zerrt.

Wer sollte beim Blick aus der Vogelperspektive, beim Blick von den umgebenden Bergen hinab schon Verdacht schöpfen? Ein enges Tal, ein paar Häuser und Höfe samt Kirche, dazu saftige Wiesen, Felder und Vieh: Wer hier lebt, braucht nicht mehr. Was in diesem Falle auch notwendig ist. Denn wer in diesem Dorf Ende des 19. Jahrhunderts existiert, der darf auch nicht mehr haben. Darf kaum selbstbestimmt leben, muss sich grausamen Gebräuchen unterwerfen - und vor allem: darf auch nicht hinaus durch jenen engen Tal-Abschluss, der das Dorf von der freien Welt tief unten trennt. Und wenn es einer hereinschafft, dann droht das vom Brenner-Bauern und seinen Söhnen dominierte System aus dem Lot zu geraten. Weit hinten, geduckt an einer Felswand, ist ihr Hof. Ein Machtzentrum des Tals, das von einem gebrechlichen Patriarchen beherrscht wird.

Thomas Willmann

Genau hier setzt Thomas Willmanns Roman ein. Sein Held, Greider, taucht eines Tages im Dorf auf und quartiert sich, beargwöhnt von den Bewohnern, besonders von den Brenner-Söhnen, im Haus einer Witwe ein. Ein Maler, der Häuser und Natur, später auch die Menschen auf Leinwand bannt. Und mit den Augen des scheinbar naiven, vorgeblich unkundigen Fremden lernt der Leser dieses geschlossene System kennen, dessen strenge Gesetze verborgen bleiben.

Dort, wo anfangs kaum Handlung passiert, nimmt Willmann - durch seine Kino-Erfahrung ein Mann des Visuellen - seine Leser an der Hand. Ein Situationen-Maler gewissermaßen, dessen Sprache wenig gemein hat mit dem liebreizenden Holzschnitz-Charme landläufiger Alpen-Romane. Aus mehreren Zutaten setzt sich diese Sprache zusammen: aus archaisch, leicht altertümlich anmutenden Elementen, vor allem aus einem Stil, der den Leser nicht unbedingt auf kürzestem Weg von A nach B führt. Was reizvoll ist und eine sehr eigentümliche und eigenständige Farbe in diese Art der Literatur bringt.

Bald nach Greiders Ankunft wird das dörfliche Leben erschüttert. Der jüngste Brenner-Sohn stirbt auf brutalstmögliche Art, donnert doch einer der am Hang gefällten Baumstämme mit dem Körper zu Tal. Ein Unglück? Oder doch ein Mord? Was nun folgt, ist kein Krimi von der Stange, der Atmosphärisches à la „Schlafes Bruder“ bedient, sondern etwas anderes: eine Handlung, die mit diesen Klischees vielmehr zu spielen scheint. Und bald wird klar - Greider weiß mehr. In einem harten Schnitt wird von seiner Vergangenheit erzählt, von seiner Mutter, die nach schwerer Jugend ihr Glück in den Vereinigten Staaten fand. Der vorgebliche Alpen-Roman wandelt sich zum Western und die Schilderung des Tales zu einem Labor-Experiment, in dem langsam, aber unausweichlich die kritische Masse erreicht wird. Und als später mehrere Zeitebenen verschränkt werden, sich in einer dramatischen Zuspitzung einander nähern, bricht die Kino-Leidenschaft des Autors endgültig durch.

Nach und nach kommen die Söhne Brenners um, ein blutiges Domino-Spiel hebt an. Als Gegenpol zu solch gruseligem Geschehen gibt es das frisch verliebte Paar Luzi und Lukas, dem Willmann das Loblied der anfechtungsfreien Liebe singt. Doch auch sie drohen zu Opfern der Dorf-Gesetze zu werden.

Um das „Ius primae noctis“, um das Recht der ersten Nacht geht es in diesem bösen Spiel, auch um späte Gerechtigkeit - mehr kann und soll hier nicht verraten werden. Am Ende kommt es nicht zu einem, sondern gleich zu einer ganzen Parade von Showdowns. „Zwölf Uhr mittags“ gewissermaßen in der Potenz, und das bis zur letzten Foltersekunde, zum letzten Hieb, zur letzten Wunde detailgenau und zuweilen schwer erträglich geschildert.

Herb, ungeschönt ist „Das finstere Tal“ also, eine sehr eigene Mischung aus Ludwig Ganghofer und Sergio Leone. Thomas Willmann gibt hier nicht den kalkulierenden Voyeur, sondern einen, der auf Direktheit, auf Unverbrämtes zielt. Seinen Lesern macht er es dabei schwer: Wer dieses Buch in die Hand nimmt, ist ihm nach kurzer Zeit verfallen - mag man vor den Gewalttätigkeiten auch noch so erschaudern. Wenig überraschend, würde auf diesen starken Erstling bald die Kino-Welt aufmerksam. Einziges Problem nur: Dieser Streifen dürfte erst ab 16 Jahren freigegeben werden.

Thomas Willmann: „Das finstere Tal“. Liebeskind Verlag, München, 318 Seiten; 19,80 Seiten.

Markus Thiel

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