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Urs Widmer.

Höllenfahrt ins Totenreich

Buchkritik: Urs Widmers Roman „Herr Adamson“

Am besten war Urs Widmer immer schon, wenn er tief in die Mottenkiste griff. Die Schätze aus dem globalen Mythen-Reservoir, die er da hervorholte, verrührte der Schweizer Autor zu augenzwinkernden Beschwörungen des kollektiven Unbewussten.

Sein neuer Roman „Herr Adamson“, in dem sich abendländisches Kulturgedonner und infantile Wildwestromantik mischen, ist endlich wieder einmal ein solches Ragout des postmodernen Wahnwitzes.

Dabei wirkt der Anfang so gemütlich, wie man’s von einem Schweizer erwartet. Die Geschichte beginnt mit einer Kindheits-Idylle aus dem heißen Jahrhundertsommer 1946. Ein achtjähriger Basler Bub mit Feder im Haar spielt im verwilderten Nachbarsgarten, er sei der Navajo-Häuptling „Rasender Hirsch“. Doch plötzlich erscheint ihm ein freundlicher Geist, ein alter Schwede aus dem Totenreich, der sich Knut Adamson nennt und erzählt, dass er zu Lebzeiten mit dem Troja-Entdecker Heinrich Schliemann Mykene ausgegraben, aber nebenbei der jungen Frau Schliemann ein Kind gemacht habe.

Bis klar wird, was dieser verjährte Seitensprung im Archäologen-Milieu mit dem rätselhaften Lederkoffer zu tun hat, den der Junge für Herrn Adamson aus einem Abbruchhaus holt, ist aus der Idylle längst eine Geisterbahn der Archetypen geworden.

Unmerklich kippt die jugendfreie Abenteuer-Story in eine bizarre Höllenfahrt, und im Kontrast zur harmlosen Kinderbuch-Kulisse, die der Autor erst aufbaut, wirkt dieser düstere Hades-Trip so verstörend, dass er Dantes Inferno wie eine bequeme Hauspantoffel-Unterwelt erscheinen lässt. Versehentlich gerät der kindliche Held nämlich zusammen mit dem Geist von Herrn Adamson ins Totenreich, wo er auf „schuhbreiten“ Pfaden an gähnenden Abgründen entlangbalancieren muss oder ins nachtschwarze Nichts hineinstürzt, in raumlose Stille und dröhnendes Verzweiflungsgeheul.

Auf jeden Fall ist der Orkus des Grauens gerade in seiner albtraumhaft-abstrakten Gestaltlosigkeit so verblüffend plastisch geschildert, dass diese Passage sicher zum Stärksten (und Erschreckendsten) gehört, das Widmer je geschrieben hat. Zumal natürlich schön unklar bleibt, ob die Höllenfahrt des kleinen Helden vielleicht eine Reise in den „schwarzen Kern“ seines Inneren war, in den er „noch nie hineingeblickt hatte“.

Ausgerechnet in Mykene kommt er aus dem Schattenreich wieder ans Tageslicht – um von einem griechischen Polizisten per fliegendem Fahrrad in die Schweiz zurücktransportiert zu werden. Aber eben das macht ja den Reiz von Urs Widmers besten Geschichten aus, dass sie die Komik und den Schrecken des Absurden stufenlos ineinander übergehen lassen. Nach seinem eher kümmerlichen Roman „Ein Leben als Zwerg“ erweist sich der Autor diesmal wieder als Riese surrealer Fabulierkunst. Mit seiner neuesten Gespenster-, Indianer- und Ausgrabungs-Story legt der Schweizer Literatur-Häuptling Widmer eine herrlich groteske Archäologie der Seelenabgründe vor.

Urs Widmer: „Herr Adamson“. Diogenes Verlag, Zürich, 200 Seiten; 19,50 Euro. Der Autor präsentiert sein Buch am 22. 9., 19.30 Uhr, in der Münchner Seidlvilla (Nikolaiplatz 1b).

Von Alexander Altmann

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