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Bücher, Bücher, Bücher von 7100 Ausstellern aus 100 Ländern: Die Frankfurter Buchmesse geht am Sonntag zu Ende.

Endspurt auf der Frankfurter Buchmesse

Gehe hin, finde einen Bestseller!

Frankfurt - 87 000 gebundene Bücher sind dieses Jahr in Deutschland erschienen. Dazu die E-Books verzweifelter Schreiber, die keinen Verlag gefunden haben. Doch was aus diesem Wust ist auserkoren, sich gut zu verkaufen? Unser Autor hat danach gesucht.

Alle Stände auf der Frankfurter Buchmesse sind einladend – doch im obersten Stock von Halle 6 hört die Freundlichkeit auf. Dort ist der geheime Bereich, umgeben von zweieinhalb Meter hohen Stellwänden, die wenigen Eingänge bewacht von Security, Zugang nur mit Einladung und Termin.

Der Bereich heißt „LitAg“, hier sind die Büros der Literatur-Agenten. Ihre Firmen heißen Sterling Lord, Villas Boas & Moss, William Morris oder Marco Vigevani & Associati, sie könnten große Wirtschaftskanzleien sein oder diskrete Waffenhändler – doch ihre Ware ist das Wort. Literaturagenten suchen und entdecken Autoren, sie platzieren Themen, sie machen Verlage heiß – und versteigern Bücher, manchmal, bevor sie geschrieben sind. Auf dem 140 mal 65 Meter großen Areal in Messehalle 6.3 wird vorbestimmt, was ein Bestseller werden soll.

Doch gibt es so etwas wie einen Bestseller-Code? Gerade ist dazu eine schöne WDR-Reportage gedreht worden, befragt wurde auch Marcel Hartges, der Chef des Münchner Piper-Verlags. Er lächelte in die Kamera und sagte: „Wenn Sie den Code gefunden haben, bitte rufen Sie mich an. Denn ich kenne ihn nicht.“ Mal sind Charlotte-Roche-Sauereien das große Ding, dann eine Teenager-Vampir-Saga. Der Erfolgsthriller eines Jahres kann in den Weltmeeren spielen wie Schätzings „Der Schwarm“ oder im Allgäu, wo ein Kommissar Kässpatzen isst, während er ein Verbrechen aufklärt. Und der Hype um die sieben Harry-Potter-Bände wurde unterbrochen von einem pilgernden Fernseh-Entertainer und einem nach rechts gedrifteten SPD-Politiker. Zuletzt las alle Welt „Shades of Grey“, einen Sado-Maso-Softporno, der auch dem Umsatz der Baumärkte gut tat: Dort verkauften sich Kabelbinder prächtig.

Vor ein paar Wochen stand hohe Literatur kurz ganz oben, ein altes und spät entdecktes Manuskript von Harper Lee, einer US-Autorin. Es hieß „Gehe hin, stelle einen Wächter“, es war eine sichere Nummer eins. Das Buch sinkt nun schon wieder, doch was kommt als nächstes? Der Auftrag, wenn man zur Buchmesse fährt, lautet: Gehe hin, finde einen Bestseller!

Deutschland ist der zweitgrößte Buchmarkt der Welt. Jahresumsatz neun Milliarden Euro. Die Deutschen lesen viel, aber nicht planvoll. 75 Prozent gehen in die Buchhandlungen und wissen noch nicht, was sie kaufen werden. Entscheidend sind, das sagt die Forschung, das Cover und die ersten beiden Sätze auf dem Rückumschlag. Sieben Bücher nimmt man in die Hand, eines wird gekauft.

Was zieht besser: der plakative oder der komplizierte Titel?

Es ist immer noch Ein-Wort-Zeit. Arne Dahl, einer der skandinavischen Krimischreiber, hat mit der Masche angefangen: Zorn. Neid. Gier. Kollege Jussi Adler Olsen reitet die Welle weiter: Schändung. Erbarmen. Erlösung. Auch alles mit Ver- geht gut: Verblendung. Verdammnis. Vergebung. Verschwörung. Verachtung. Verheißung.

Wir finden in den Regalen: Duell. Verfolgt. Schmerz. Enter. Infarkt. Täuscher. Zerrissen. Ozean. Bankrott. Spannung. Zerrissen. Stimmen. fremd. Wende. Titel, die mit einem Wort auskommen, prägen sich ein – und sie passen auf die Plakatwände in Bahnhöfen, einer Hauptwerbefläche des Buchhandels.

Da hätte „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ keine Chance. Trotzdem wird dieses Werk ein Bestseller, denn es hat gerade den Deutschen Buchpreis gewonnen, und Autor Frank Witzel, den bis vor einer Woche nur Fachpublikum kannte, wird, als er auf der ARD-Bühne sitzt, von den Lesekreis-Groupies angehimmelt. Dank ihm bekommt nun auch der umständliche und rätselhafte Titel wieder Aufmerksamkeit. Mit ganz anderen Augen blickt man auf Bücher wie „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, „Wir zerschneiden die Schwerkraft“, „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, „Der Tag, als meine Frau ihren Mann fand“ (geschrieben von einer Frau) oder „Simon sagt ,Auf Wiedersehen‘ zu seiner Vorhaut“.

Was immer geht: Krimis. Es hört nicht auf mit dem Morden von den Alpen bis nach Sylt. Doch es gibt neue Schauplätze, sie sind nicht an eine Region gebunden. Voller Dankbarkeit haben wir in den Regalen des Nutzbuchverlags blv gefunden: „Der Radieschenmörder – ein perfider Gartenkrimi.“ Wir lesen, was hinten auf dem Umschlag steht: „Wer war Johann Kunrath? Ein unauffälliger, wortkarger Mann, den keiner wirklich kannte. Er lebte für seinen Garten. Und jetzt ist er tot, ertränkt in einer Maischetonne und geknebelt mit einem Radieschen.“ Der Tod kommt also auch vegan – zeitgemäß, würden wir kaufen.

Ebenso die Reihe um Kater Winston, der im aktuellen Bücherherbst seinen vierten Fall löst: „Im Auftrag der Ölsardine.“ Tiere gehen immer. Senioren ebenfalls: „Einen neuen Fall für Agent 0070“ hat dtv im Programm („Truthahn, Mord und Christmas Pudding“). Das Böse ist überall, es lauert an jedem Wochentag. „Blauer Montag“ – „Eisiger Dienstag“ – „Schwarzer Mittwoch“ – „Dunkler Donnerstag“ – und jetzt ist die fleißig produzierende Nicci French bei „Mörderischer Freitag“ angelangt. Da kann man in etwa das Thema der nächsten beiden Bücher erahnen.

Krimis, Historienromane, Fantasy – das sind klassische Erzählgattungen. Da weiß man, was man hat. Doch kommt auch was gänzlich Neues? Wir haben da was bei einem Schweizer Verlag entdeckt, geschrieben von „Klaus/Klaus“. Das sind Vater und Tochter. Sie haben zusammen „Der Chat“ verfasst, den Roman für die WhatsApp-Generation. Das sind die ersten Zeilen, die die Heldin Luana textet: :-)

Klopfklopf. Jemand on???

Huhuuuuuuuuu!!!!!!

So lang ist der schulweg nicht.

Alles noch beim essen??

Wollte nur fragen wegen der bio.

Bin off :-(

Wird „Ilsebill salzte nach“, dem schönsten ersten Satz der deutschen Literaturgeschichte (aus Günter Grass: „Der Butt“), keine Konkurrenz machen. Aber vielleicht führen in einigen Jahren die erfolgreichen Romane keine Wörter mehr im Titel, sondern nur noch Emoticons wie die jetzt schon beliebten Smileys. Oder wer schreibt als Erster ein Werk namens „#“? „Der Chat“ wird Wegbereiter gewesen sein.

Einer der Gegenwartsautoren, die sich am besten verkaufen, ist Sebastian Fitzek („Passagier 23“). Er hat in der WDR-Reportage „Der Bestseller-Code“ erzählt, dass ihn die Verlage über Jahre ablehnten, weil sie nicht glaubten, dass es ein Publikum für deutsche Psychothriller gäbe. Auf einmal war das aber doch da – und niemand konnte sich erklären, warum. Irgendwann kommt dann sicher der nächste Trend, und es kann etwas noch nie Dagewesenes sein. „In Amerika ist im E-Book-Bereich der Dinosaurierporno das neue Genre“, sagt Fitzek amüsiert. Zumindest die Frankfurter Buchmesse 2015 bleibt von diesen Einflüssen aber noch verschont. Wir finden als Dinosaurier-Literatur lediglich „Zicke Zacke Dinokacke“ – und das ist ein naturwissenschaftliches Erklärbuch für Kinder.

Aber E-Books sind ein Thema, da hat Fitzek Recht. Sogar ein prachtvolles und schwer in der Hand liegendes Bertelsmann-Teil wie „Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte“ gibt es für fünf Euro weniger als E-Book – eine Kapitulation.

Umgekehrt schaffen es manche Werke, von der Datei für den Reader zum Print-Exemplar aufzusteigen. Bei „Fifty Shades of Grey“ war das so, dass der Erfolg als Internet-Veröffentlichung begann, und irgendwie hoffen das ja alle, die sich ihren Autorentraum mit einer unbürokratischen E-Book-Produktion erfüllen. Dass daraus ein Buch aus Papier wird, das man in den Händen halten, fühlen, riechen kann.

Ein Verleger-Titan wie der Piper-Mann Marcel Hartges ist froh, dass es Selfpublishing-Plattformen gibt. Auf denen erscheinen letztlich viele der „5000 jährlich unverlangt eingesandten Manuskripte“, die sein Haus erhält und über die er sagt: „Taugt nichts – in erschreckender Eindeutigkeit.“ Er hat’s los, und manches Werk findet trotzdem seine Leserschaft – und der Autor seine Erfüllung.

Wie Jo Berger aus Weinheim. Sie darf auf der Buchmesse lesen. Weil die Veranstaltung im Lesezelt ein Bettenhersteller sponsert, sitzt sie auf der Bühne inmitten einer Matratzenlandschaft und trägt aus „Ein Engel für Jule“ Sätze vor wie: „Sie seufzte, und Elisa glaubte, einen Schatten über ihr Gesicht huschen zu sehen.“ Sie signiert noch die Bände, die zuvor verschenkt wurden, nach ihr kommt Christopher Steigerwald dran, der „Die Erkenntnisse des Professor Jedermann“ im Selbstverlag herausgegeben hat. Er fängt an: „Als mir meine Frau sagte, dass sie, wie ich auch, auf Frauen stehe und mich deshalb verlassen müsse, hatte ich mich gefragt, ob das wirklich ein Grund sei.“ Da gibt es viele reguläre Bücher mit weniger Esprit. „Professor Jedermann“ wird aber eher ein Geheimtipp bleiben.

Der sicherste Bestseller wird auf Gabelstaplern und in riesigen Kartons zur Buchmesse gebracht. So wie um diese Jahreszeit die Lebkuchen und Nikoläuse die Supermarktregale besetzen, ist das neue Guinness Buch der Rekorde im Oktober zur Buchmesse fertig. 10 200 Stück werden in einer der Hallen von Studenten so aufgestellt, dass sie ein langes Domino ergeben. Dann kommt TV-Moderatorin Christine Westermann („Das literarische Quartett“), stupst das vorderste Buch an, und klapp, klapp, klapp fallen die restlichen 10 199 um. Ein Weltrekord des Buchs für Weltrekorde fürs Buch der Weltrekorde. Vermutlich hat noch nie ein Mensch ein Guinness-Buch konzentriert und vollständig gelesen. Aber man muss es haben. Es wird gekauft, ohne dass es sich hat beweisen müssen. Es ist der wahre Bestseller. Wir haben ihn gefunden.

Günter Klein

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