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Auch Gerhard Polt war im Augustiner zugegen, doch er hielt sich versteckt

Buchpräsentation: „Gerhard Polt und auch sonst“

München - Mit Polt und Herlinde Koelbl im Augustiner: Elke Heidenreich stellte deren Band „Gerhard Polt und auch sonst“ vor und erklärte, warum der Satiriker es sogar mit Goethe aufnehmen kann.

Schweigen. Das ist Gerhard Polts zweite große Stärke. Die Welt weiß das, seit er 1980 bei der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises (TV-Übertragung) acht Minuten mit nichts – wahlweise auch Kommentaren über dieses Nichts: „Gell, das zieht sich“ – füllte. Also sagt er am Sonntag im „Grünen Saal“ des Wirtshauses „Zum Augustiner“ erst einmal nichts. Obwohl es doch um ihn geht. Und um sein Werk – vor allem das Interviewbuch „Gerhard Polt und auch sonst“, das mit der Fotografin Herlinde Koelbl entstanden ist. Lieber sitzt er irgendwo im Weißwurstdunst des kleinen Saals mit moosgrüner Decke. Da, wo ihn keiner sieht. Da, „wo der Himmler a scho war“, sagt er später, wie es nur ein Satiriker wie er sagen kann.

Das Reden übernimmt Elke Heidenreich, die beim Auf-die-Bühne-Stapfen ihr Bier vergisst. Man bringt es ihr. Prost – dann geht’s los. Im Stile ihrer ZDF-Sendung „Lesen!“ doziert die Schriftstellerin über „das Ausmaß dieses großen Lebenswerks“, bei dem jeder sofort denken müsse: „der große Goethe.“ Aber mit Goethe, sagt sie, könne er, also Polt, es allemal aufnehmen. Auch mit Schopenhauer, weil der nie so spannend geschrieben habe. Und mit Schiller und Kleist. Aber vor allem, ja, vor allem mit Goethe. Denn der habe zum Beispiel nie übers Essen geschrieben und also nie über den Menschen und sein „großes Thema“. Polt schon. Über den Schweinsbraten etwa, also jenen ontologischen Zustand, „wo die Sau“, wie Polt schreibt, „im Zenit ihrer Erfüllung ist“. „Ein Philosoph, der ganz dicht am Puls der Zeit ist“, das sei Polt. Der sich nie die großen Fragen stellt, aber sie doch irgendwie tangiert. „Er ist kein Sinnsucher, sondern ein Schwammerlsucher.“ Die etwas hektische Dame trifft den Ton. Trifft den Menschen Polt.

Dann hat sie genug über ihn geredet. Die Wellküren Bärbi, Burgi und Moni Well blasen gemeinsam mit den Well-Buam Karli, Michael und Christoph einen Marsch in den Saal. Polt ziert sich – und muss doch auf die Bühne. Mit ihm Herlinde Koelbl, die bekannte Münchner Fotografin, die den Schweigsamen für ihr Interviewbuch zum Reden brachte. „Den Gerhard“, sagt sie, „den kann man nicht interviewen. Mitm Gerhard muss man reden.“

Leicht sei das nicht gewesen, denn der Gerhard rede nicht gern über sich. Und auch jetzt, oben auf der Bühne, ringt sich der distinguierte Edel-Polterer nur schwer einige Sentenzen ab: „Das ist die Einsicht, dass ich selber persönlich ziemlich uninteressant bin“, sagt er. Hinten im Saal überschlagen sie sich vor Lachen. Denn alle wissen, dass das nicht stimmt.

Polt, der im Mai 70 wird, ist ein auratischer Typ. Er muss nur da sein, muss nur hocken, um die Leute zu begeistern. Muss also nichts tun. Und es ist „dieses Nicht-Müssen“, sagt Koelbl, das ihn im Schwarm der Stars und Sternchen einzigartig macht. Ihm, dem „Entschleuniger“, liegt das im Blut. Er selbst sagt es im Interview-Buch. Bootsverleiher hat er einmal werden wollen (Kernfigur in der Polt-Ausstellung im Literaturhaus, bis 10. 6.). Da muss man nämlich auch nix müssen. Nur die Leut’ auf den See schieben – und dann weiterlesen.

Und obwohl er nix muss, tut er’s dann doch. Liest eine Danksagung, die er schon bei der Verleihung des Jean-Paul-Preises 2001 hielt. Singt ein Lied in pseudo-arabischem Kauderwelsch – das Schlusswort: Assad. Ob man diesen Polt-Ton, dieses Offenlegen, ohne zu explizieren, mal in ein Wort gießen könnte? Im Schwedischen hat Günther Wallraff das Verb „wallraffa“ für investigatives Nachfragen geprägt. Das deutsche „Poltern“ wird dem zweiten großen subtilen Satiriker neben Loriot kaum gerecht.

Herlinde Koelbl:

„Gerhard Polt und auch sonst“. Kein & Aber, 208 Seiten; 19,90 Euro.

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