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Zur Urteilsverkündung in München in diesem Sommer erinnern Demonstranten mit Porträts an die Opfer der Mörder aus dem Nationalsozialistischen Untergrund.

„Der NSU-Prozess. Das Protokoll“ ist gerade erschienen

Der NSU-Prozess zum Nachlesen

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In fünf Büchern, auf 2020 Seiten ist der NSU-Prozess protokolliert. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Heute wird das Mammutprojekt beim Münchner Literaturfest vorgestellt.

Wird dieses Buch gelesen werden? Ist es überhaupt lesbar? Wobei es ja auch nicht „ein Buch“ ist, sondern fünf, gesteckt in einen Schuber. Der Stoff von 2020 Seiten musste aufgeteilt werden. Kostet 80 Euro, hat nicht den Charme, dass man es auf dem Couchtisch platzieren will, wirkt eher, als wäre es fürs Regal in den Bibliotheken der juristischen Fakultäten gedacht. Ein Besitzwerk, in das man irgendwann einmal hineinschauen wird. So mag der erste Eindruck sein, wenn man dem Projekt „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“ begegnet. Doch dann hört man wie neulich auf der Frankfurter Buchmesse zwei der vier Autoren zu, wird neugierig – und entdeckt: Es ist auch ein Lesebuch. Heute wird es auf dem Münchner Literaturfest vorgestellt.

Fünf Jahre hat der Prozess gegen Beate Zschäpe und andere aus der rechtsextremen Szene gedauert, an 438 Tagen wurde verhandelt. Im Akkreditierungsverfahren für 50 Presseplätze im Saal 101 A des Justizgebäudes an der Nymphenburger Straße war ein Platz dauerhaft an das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ gegangen. Abwechselnd nahmen ihn Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler ein, um mitzuschreiben, das Laptop auf den Knien. Protokollarisch. Weil es sonst für die Nachwelt keine Aufzeichnungen von diesem Jahrhundertprozess gegeben hätte. Keinen O-Ton.

Weder Video- noch Tonaufzeichnungen waren zugelassen

Es waren weder Video- noch Tonaufzeichnungen zugelassen. Jeder, Richter Götzl, die Strafverteidiger, die Nebenklage-Anwälte, die Staatsanwaltschaft, notierte mit, was für ihn von Belang schien. Doch es gab keine offizielle Dokumentation. „In der deutschen Strafrechtstradition“, erklärt Tanjev Schultz, „herrscht das Mündlichkeitsprinzip.“ Der Gedanke dahinter ist, dass Zeugen dann unbeeinflusst aussagen würden. Schultz hat von den Anwälten allerdings auch zu hören bekommen, „dass sie sich nicht von der ,heute show‘ vorführen lassen wollen, wenn sie sich vor Gericht verhaspeln“.

Die Prozessakten umfassten am Ende eine halbe Million Seiten

Autoren wie die Reporter haben den Anspruch, schöne Texte zu schreiben – auch über das Grausame. Und kluge Analysen. Sie wollen Meinungen bilden. Doch das war im Hinblick auf die Bücher zum Prozess nicht mehr ihre Rolle. Sondern als Protokollführer zu funktionieren. In den langen Tagen vor Gericht in einem fensterlosen Saal, in dem es zu stundenlangen Formal-Scharmützeln der Anwälte kam, etwa über die Reihenfolge, in der das Wort erteilt wird. Die Antragswut führte mit dazu, dass die Prozessakten am Ende eine halbe Million Seiten umfassten, tausend Stehordner voll.

NSU-Verbrechen: Nach über fünf Jahren und mehr als 430 Prozesstagen wurden heuer am 11. Juli am Oberlandesgericht München die Urteile gesprochen. Die Richter mit dem Vorsitzenden Manfred Götzl (2.v.re.) und links die Angeklagte Beate Zschäpe,

An den Abenden der Verhandlungstage sind die Journalisten ihre Aufzeichnungen durchgegangen, um zu entscheiden: Was ist relevant fürs Buch? Manchmal reicht ein Dialog für einen Tag. Manchmal muss man in epischer Breite aufzeigen, wie sich Zeugen den Angaben entwinden: „Nö“, „Nicht dass ich wüsste“, „Ich kann mich nicht erinnern“.

Ramelsberger erzählt von dem Zwiespalt, dem man sich als ständiger Beobachter dieses Prozesses ausgesetzt fühlt. „Der NSU träufelt ätzendes Gift in die Seele“, sagt sie, „man blickt fünf Jahre in den Abgrund, und irgendwann blickt der Abgrund zurück.“ Man weiß nicht, wohin mit der Abscheu, wenn an dem Tag, als es um den Tod von Enver Simsek geht, im Jahr 2000 das erste NSU-Opfer, der angeklagte Neonazi Ralf Wohlleben von einem Anwalt aus dem rechten Spektrum vertreten wird. Der war der Sänger jener Band, mit deren Musik das erste Bekennervideo von Böhnhardt und Mundlos unterlegt war.

„Waschechte Neonazis im Saal“

Es waren regelmäßig „waschechte Neonazis im Saal“ (Schultz), es gab dramatische Momente, in denen Angehörige der Opfer sich auf den Boden warfen – und in fünf Jahren nur einen Augenblick des befreienden Beifalls. Tag 118: Auftritt einer jungen Frau aus Köln, die als 19-Jährige in Köln durch eine NSU-Bombe schwerste Gesichtsverletzungen erlitten hatte. „Meine Augen waren sozusagen zusammengeschmolzen. Ich habe sie einfach nicht mehr aufgekriegt“, sagte sie aus. Sie kämpfte sich ins Leben zurück, heute ist sie Oberärztin in der Chirurgie. Annette Ramelsberger: „Es war das einzige Mal, dass applaudiert wurde.“

Die Hauptfigur des Prozesses lernt man als permanenter Beobachter kennen, ohne mit ihr zu kommunizieren. Beate Zschäpe hat sich ja meist weggedreht und fast durchgehend geschwiegen. Als sie endlich sprach, klang ihre Stimme wie die einer patenten jungen Frau aus einem bekannten Werbespot, so nahm es Annette Ramelsberger wahr. Sie kann sich einer gewissen Anerkennung für die Durchhalteleistung der Hauptangeklagten im NSU-Prozess nicht entziehen: „Drei Jahre saß sie Ellenbogen an Ellenbogen mit ihren Verteidigern, die sie loswerden wollte. Sie ließ einen Vorhang aus Frost fallen.“

Die Bücher sind lesbar

Kürzlich lief in der ARD eine Langzeit-Dokumentation über die Zschäpe-Verteidiger Heer, Stahl und Sturm. Sie hat geholfen, das Rechtssystem in Deutschland zu verstehen. Die Mitschrift „Der NSU-Prozess“ nimmt uns auf einen anderen Platz mit hinein in den Gerichtssaal. Auch wenn man viel zum Jahrhundertprozess gelesen hat – es war doch selten im Original-Ton. Nun liegt er vor und hilft der, wie die Autoren es nennen, „Tiefenbohrung in die Gesellschaft“ zu folgen.

Es ist wichtig, dass es diese Bücher über Beweisaufnahme, Plädoyers und Urteil gibt. Damit man nie vergisst. Und ja: Die Bücher sind lesbar.

Informationen zur Buchausgabe:

Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz, Rainer Stadler, Wiebke Ramm: „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“. Verlag Antje Kunstmann, München, 2020 Seiten; 80 Euro.


Buchpräsentation 

an diesem Mittwoch, 21. November, um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1; Karten unter Telefon 089/ 29 19 34 27.

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