Buchstabe Nr. 27: Das große Esszett

München - Die letzte Lücke im deutschen Alphabet ist geschlossen - zumindest technisch. Das ß gibt es nun auch als Großbuchstabe, und zwar erstmals verankert in den internationalen Zeichensätzen mit den komplizierten Bezeichnungen ISO-10646 und Unicode 5.1.

Es hat dort den Platz mit der Bezeichnung 1E9E. Das bestätigte das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin. Damit hatte ein Antrag der DIN-Leute, eine Norm für das große ß zu schaffen, teilweise Erfolg.

Wer nun glaubt, er müsse sich im täglichen Leben umstellen, der irrt: Die Rechtschreibregeln sind davon zunächst nicht betroffen. Sie sehen vor, dass das ß weiterhin in Großschreibweise als "SS" dargestellt wird. Obwohl dies der Logik der Groß- und Kleinschreibung widerspricht, wollten die internationalen Normungsgremien nicht daran rütteln und haben sich (wie zu hören ist nach kontroverser Diskussion) aus der deutschen Rechtschreibung lieber diplomatisch herausgehalten.

Seit 130 Jahren war immer wieder darüber diskutiert worden, dem ß wie allen anderen Buchstaben eine große Variante zu verschaffen. Eine neue Rechtschreibreform für das große ß schließt der Rat für deutsche Rechtschreibung nun zwar aus, aber: "Die Menschen werden entscheiden, ob sie es verwenden", sagt Geschäftsführerin Kerstin Güthert. Das hängt aber auch nicht zuletzt davon ab, wie leicht sich der Buchstabe auf den Tastaturen erzeugen lässt.

Inzwischen sind bereits die ersten Tastaturtreiber auf dem Markt, die das große ß mit Hilfe einer Tastenkombination auftauchen lassen. Der Durchbruch als internationale Norm kommt zu einem Zeitpunkt, da dem ß mit der Rechtschreibreform ein erheblicher Teil seiner Anwendung genommen wurde. Aber ganz ausmerzen, wie im Schweizerdeutsch, konnten die Sprachregler den Buchstaben nicht.

In den 1950er-Jahren zierte das große ß bereits den "GROßEN DUDEN" der DDR. Dann verschwand es wieder. "Bisher hat die Sprachgemeinschaft nicht die Notwendigkeit für ein großes ß gesehen", sagt Güthert. Dabei konnte die kleine Lücke im großen Normenkatalog durchaus Verwirrung stiften: Ist bei der MASSE die Masse gemeint oder sind es die Maße? Wenn Herr WEISS eine Rechnung erhält, muss diese dann auch von Herrn Weiß bezahlt werden? Es soll Steuerzahler gegeben haben, die die Forderungen des Finanzamts mit dieser Begründung verweigerten.

Schrift-Designer haben für die gängigen Typen des großen "Esszett" bereits mehrere Versionen entwickelt. Dabei muss es dem kleinen ähnlich sein, ohne dass es mit dem großen B verwechselt wird. Ob nun im nächsten Schritt die Tastaturen-Hersteller bereit sind, das ß aus seinem Schattendasein unter dem Fragezeichen zu erlösen, ist offen.

Eine eigene Taste als vollwertiger 27. Buchstabe des Alphabets ist keine Kleinigkeit: "Das wäre ein erheblicher Eingriff in das Standard-Tastatur-Layout", sagt eine Sprecherin von Cherry, Marktführer bei Tastaturen in Deutschland. Ohne eigene Taste ließe sich die Tastatur zwar leicht anpassen, eine Folge hätte dies aber für die beruflichen Schnellschreiber: "Das Maschineschreiben müsste dann teilweise neu gelernt werden."

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