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Poliomyelitis-Viren: Sie führen zu Kinderlähmung auch Polio genannt. Philip Roth greift die Epidemie auf, die 1944 in den USA auftrat.

Bucky sucht Gott: Philip Roths neuer Roman „Nemesis“

München - Es hätte einfachere Gegner gegeben, aber Bucky Cantor wollte unbedingt mit dem Höchsten ringen. „Wenn Gott nicht wäre, wenn Gott nicht so wäre, wie er war", dann, ist sich der Sportlehrer sicher, wäre das Leben besser.

Dann würden keine unschuldigen Kinder zu Krüppeln oder müssten sterben, nur weil sie an der Polio erkrankt sind, die in jenem Sommer 1944 in den USA wütete. Auch in Newarks jüdischem Viertel, wo Cantor während des Sommers die Kinder auf einem Sportplatz beaufsichtigt, grassiert die Seuche immer stärker.

In seinem neuen, heute erscheinenden Roman „Nemesis“ erzählt der US-amerikanische Ausnahme-Schriftsteller Philip Roth von Bucky Cantor und jenen wenigen Monaten, die sein Leben völlig verändern sollten. Und wer fürchtete, dass es Roth nach seiner im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Novelle „Demütigung“ etwas leichtgewichtiger, gar belangloser angehen lassen könnte, sei beruhigt: Auch er hätte es einfacher haben können. Doch der 77-Jährige verhandelt am Beispiel von Bucky Cantor nichts weniger als eine Suche nach Gott.

Alles andere als ideal ist die Ausgangslage, in die Roth seine Hauptfigur wirft: Buckys Mutter starb bei dessen Geburt, sein Vater, ein Verbrecher, ist verschollen. Der Junge wuchs bei den Eltern seiner Mutter auf, sein Großvater Sam, dessen Name nicht zufällig an den unbezwingbaren Samson aus dem Alten Testament erinnert, will den Enkel zu einem zähen Burschen machen. Der muss jedoch eine erste große Schmach erleben, als er, der Brillenträger, von der Armee abgelehnt wird. Während im Großen der Zweite Weltkrieg tobt, für den Bucky ungeeignet ist, grassiert in der kleinen Welt des Sportlehrers die Polio-Epidemie. Vor dieser lässt Roth seinen Helden letztlich kapitulieren: Bucky flieht in ein Sommercamp, zu gesunden Kindern, zu seiner Verlobten, weg von einem sinnlosen Kampf, hinein in die frische, saubere Luft.

Es ist eine Entscheidung, die er fortan als „Verrat an seinem Engagement und seiner Verantwortung“ für die „unschuldigen Kinder“, die unter Gottes „Heimsuchung“ leiden, begreifen wird. Philip Roth - und das macht „Nemesis“ so spannend zu lesen - spitzt wie nebenbei Buckys emotionale Lage zu: „Wenn er schon nicht in Europa oder im Pazifik kämpfen konnte, dann hätte er wenigstens in Newark bleiben und seinen gefährdeten Jungen in der Angst vor der Kinderlähmung beistehen können.“ Doch Bucky, so sieht er das selbst, ist desertiert - und dennoch glücklich: „Je glücklicher er war, desto demütigender war es.“ Ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt.

Philip Roth, der Dauer-Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis, hat diesen Roman nicht von ungefähr „Nemesis“ genannt: Die griechische Rachegöttin sorgt für ausgleichende Gerechtigkeit, und Bucky scheint wie erleichtert, als ihn - endlich - die Strafe ereilt. Beinahe dankbar lässt Schriftsteller Roth seine Figur ihr weiteres Schicksal, die eigene Erkrankung, ertragen. Bucky bleibt als Ventil bis zuletzt der Hass auf Gott - und der Hass auf sich selbst. „Entweder der schreckliche Gott ist verantwortlich oder der schreckliche Bucky Cantor ist verantwortlich.“

Roth gönnt seiner Figur keine Erlösung. Dem Leser dagegen zeigt er sie sehr wohl auf: Spät wird klar, dass „Nemesis“ aus der Perspektive eines ehemaligen Schülers von Bucky Cantor erzählt ist. Dieser hat die Polio überwunden und führt heute - trotz Verkrüppelungen - ein gutes, glückliches Leben: Schicksal ist, was jeder Einzelne aus seinem Dasein macht. Gott, wenn es ihn denn gibt, kann hier nichts steuern.

Michael Schleicher

Philip Roth: „Nemesis“. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München, 224 Seiten; 18,90 Euro.

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