Bücherfrühling im Schneegestöber

- Leipzig - Bei Schneegestöber und Minusgraden ist die Buchbranche am Donnerstag in den Bücherfrühling gestartet. Von der Präsentation der teils noch druckfrischen Neuerscheinungen erhoffen sich Verlage, Buchhändler und nicht zuletzt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als ideeller Träger einen Impuls für die nächsten Monate. "Die Leipziger Buchmesse wird belebend für den Buchmarkt wirken, denn sie vermittelt Begeisterung für Bücher, das Lesen und Vorlesen" - damit hatte Vorsteher Gottfried Honnefelder schon vorab Optimismus verbreitet.

Kaum hatten sich um 10.00 Uhr die Absperrungen vor den vier Hallen geöffnet, strömten die Wartenden an die Stände der Verlage, umringten prominente und weniger bekannte Autoren bei Lesungen und Signierstunden und blätterten in den neuen Büchern. Trauben von Jugendlichen erweckten den Eindruck, ganz Leipzig sei auf Klassenfahrt in Sachen Literatur. Wer es eilig hatte, musste sich deshalb in Geduld üben: In den Gängen ging es oft nur zäh voran kein Wunder, kamen doch am ersten Messetag 24 500 Bücherfans und damit satte 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Mittendrin schoben auch viele Mütter mühevoll ihre Kinderwagen durchs Gedränge.

Übervolle Straßenbahnen aus dem Stadtzentrum entluden im Minutentakt weitere Lesehungrige. Gegen Mittag hockten sie in den Hallenecken, auf Treppenstufen und in den Gängen zum Verschnaufen, viele packten ihr mitgebrachtes Picknick aus und futterten Stullen und Obst. Andere hielten es eher mit geistiger Nahrung und vertieften sich gleich an Ort und Stelle in die Bücher. Beim Schmökern schienen sie Lärm und Trubel um sich herum völlig zu vergessen.

Die Teenager drängte es wie schon in den Vorjahren in die Halle 2, wo sich die Comicverlage - etwa mit japanischen Mangas oder den Simpsons - inzwischen ebenso etabliert haben wie das Schwarze Sofa, das Comic-Pendant zum Blauen Sofa, auf dem in der Glashalle Literatur-Prominenz im Halbstundentakt interviewt wird. Neidvoll blickten da die Vertreter der eher weniger stark frequentierten Schulbuchverlage auf den Trubel bei den Comics nebenan, wo Fleisch gewordene Helden der Kids Aufkleber und andere Geschenke verteilten.

Viele Lehrer hatten jedoch vorgesorgt und ihre Schüler mit Arbeitsaufträgen ausgestattet, die zumindest einen kleinen Abstecher zum Schulbuch nötig machten. "Wir sollten uns nach spannenden Lehrbüchern umschauen, die wir dann im Unterricht vorstellen", erzählt die 17-jährige Nicole Block. In ihrem dicken Beutel mit allerlei Mitbringseln fand sich auch ein Fanbuch von Popstar Robbie Williams.

Bei den Großen wie Suhrkamp, Kiepenheuer & Witsch oder Diogenes und Random House lockten riesige Wände mit leuchtenden Romancovern. Dicht umlagert war auch das Hörbuchforum. Wer in die Programme der mehr als 120 Aussteller reinhören wollte, musste Zeit mitbringen: An den Abspielgeräten bildeten sich den ganzen Tag über lange Schlangen.

"Es war schon ziemlich voll", sagte Friederike Vogel. Die 61jährige ehemalige Bibliothekarin aus Radebeul war zum "bestimmt 35. Mal" bei der Buchmesse. "Auch wenn ich jetzt nicht mehr arbeite, möchte ich mir den Messebesuch nicht nehmen lassen." Die Leipziger Buchmesse sei nach wie vor ein tolles Forum. Die Begeisterung der Besucher brachte gleich den Zeitplan zahlreicher Autorenlesungen durcheinander, weil nach der Lesung stets zahlreiche Zuhörer zu Autoren wie Frank Schätzing, Rolf Hochhuth, Tanja Kinkel und Wladimir Kaminer strömten und um Unterschriften baten.

Nicht aus der Ruhe bringen ließen sich die kleinsten Leseratten. In einer eigens eingerichteten Werkstatt schauten sie neugierig zu, wie Bücher oder Hörspiele entstehen. Autoren und Lektoren erzählten dort geduldig von ihrer Arbeit und beantworteten Fragen.

Viele Buchmesse-Veteranen allerdings vermissten echte Frühlingsgefühle, als sie nach der kräftigen Dosis Literatur vor den Eingangstüren frische Luft schnappen gingen: Statt wärmender Sonnenstrahlen wie in früheren Jahren kitzelten dieses Mal nur Schneeflocken auf der Nase.

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