+
„Frischer Wind in alten Räumen“: Christine Grahamer (re.) mit ihrer Nachfolgerin Franziska Bierl.

„Bücherstaub hält jung“

München - Im Münchner Antiquariat Franziska Bierl warten alte Kunstwerke auf neue Besitzer. Wir haben das Antiquariat besucht.

„Der Victualienmarkt in München“ anno 1815 (Lithografie von Friedrich Leybold, 1755-1838), erleuchtet von futuristischen Deckenlampen, daneben strahlen ausgesuchte Aquarelle und Kupferstiche aus längst vergangenen Zeiten. So sieht es aus im Antiquariat Franziska Bierl, ehemals Wölfle. Und inmitten dieses Raums, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit die Hand reichen, steht die ehemalige Geschäftsführerin Christine Grahamer (66) im traditionellen Trachtenjanker, den Kragen des modernen lila Polo-Hemds hochgeschlagen.

„Gerade jetzt, im Zeitalter des Internets, hat das Antiquariat seine Berechtigung“, sagt Grahamer, und ihre blauen Augen funkeln hinter den goldgefassten Brillengläsern. Bild und Buch hätten Qualitäten, die durch nichts zu ersetzen seien. Schließlich sei es ein ganz anderes Gefühl, einen Erstdruck anzufassen – statt ihn nur auf dem Bildschirm zu sehen. Außerdem: „Der Witz an einem Antiquariat ist ja, dass die Leute kommen, um zu finden, was sie nicht suchen.“

Grahamer kann sich trotz der Entwicklungen, die weg vom Buch führen, nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Kunden aus den unterschiedlichsten Schichten durchstöbern den Laden im Münchner Uni-Viertel: Sammler, Kunstliebhaber, aber auch junge Eltern und Studenten kaufen im Antiquariat für sich selbst oder Geschenke.

„Manche sind aus Nostalgie auf der Suche nach ihrem ersten Kinderbuch oder wollen jemanden damit überraschen.“ Eines ihrer Glanzstücke ist das Aufstellbilderbuch „Gesamtpanorama in Chromolithographie“ des Oberschleißheimers Lothar Meggendorfer (1847-1925). Klappt man das Buch auf, lässt sich ganz leicht eine dreidimensionale Zirkusarena errichten.

Wo Grahamer und Bierl die guten Stücke her haben? „Wir kaufen viel bei Kollegen, auf Auktionen und aus privatem Nachlass“, sagt sie. Ein gewisser Geschäftssinn sei dazu schon notwendig, vor allem aber viel Liebe zum Detail. Nur so könne die unermüdliche Suche nach dem Besonderen zum Erfolg führen. Neben Kinderbüchern gilt die Leidenschaft der Sammlerin Darstellungen von München und Bayern. „Hier sind unsere Wurzeln. Und wen interessiert nicht, wie beispielsweise die Universität vor 100 Jahren ausgesehen hat.“ Wenn sie das Wachstum Münchens anhand eines Plans von 1613 (Radierung von Tobias Volckmer 1586-1659) bis zum Plan von 1843 erklärt, gerät sie ins Schwärmen. Diese Begeisterung versucht sie, an potenzielle Liebhaber weiterzugeben. Eine persönliche Atmosphäre herrscht deshalb in den Räumen, wo Grahamer lange Gespräche führt und zu jeder Rarität eine Geschichte parat hat.

Wer jetzt denkt, alte Werke kosten viel, der liegt nur beinahe richtig. Schon für 15 Euro kann „der junge Sammler“ einen Bilderrahmen oder einen Stich erwerben. Der Preis für andere Objekte wiederum geht in die Zigtausende. Es ist für jeden etwas dabei, elitär möchte das Antiquariat in der Maxvorstadt nicht sein. „Es geht nicht darum, einen erlesenen Kundenstamm zu pflegen, sondern wir wollen alle erreichen“, betont Grahamer, Enkelin von Robert Wöfle. Bis ins Jahr 1775 reicht die Geschichte des Geschäfts zurück. Zunächst eröffnete Robert Wölfle in Ingolstadt. 1923 zog er dann nach München an die Amalienstraße. Nach seinem Tod 1843 übernahmen die Töchter Lotte Roth-Wölfle und Gertrud Wölfle den Laden – Grahamers Mutter und Tante.

Sie selbst war schon als Jugendliche im Geschäft. Die Leidenschaft für Kunstwerke „habe ich mit der Muttermilch aufgesogen“, scherzt sie. Vor 39 Jahren stieg die promovierte Kunsthistorikerin als Teilhaberin ein. Seit dem Frühjahr hat sie sich zurückgezogen. Die Leitung obliegt nun der 28-jährigen Franziska Bierl. „Mit ihr kommt frischer Wind in diese alten Räume“, freut sich die ehemalige Chefin. Warum der Betrieb nicht mehr in der Familie bleibt? „Meine drei Kinder haben andere Berufe, und es war früh klar, dass sie den Laden nicht übernehmen wollen.“ Obgleich Grahamers Mutter Lotte Roth-Wölfle darüber sehr enttäuscht war, habe sie auf die jüngere Generation nie Druck ausgeübt. Mit Bierl hat die 66-Jährige nun eine Nachfolgerin gefunden, deren Vater sie aus dem Antiquariatsgeschäft kennt. „Wir arbeiten seit Jahren eng zusammen, und mit Franziska weiß ich den Laden in guten Händen.“

Ganz zurückziehen möchte sich die Kunsthistorikerin aber nicht: „Ich werde weiterhin anwesend sein, wenn auch eher im Hintergrund.“ Wie ihre Mutter, die noch mit 99 Jahren im Laden stand. Tante Lotte hütete bis zum 96. Lebensjahr die Schätze an der Amalienstraße. Für diese Ausdauer hat Grahamer eine einfache Erklärung: „Bücherstaub hält jung.“

Sabine Krolitzki

Antiquariat Franziska Bierl

an der Amalienstraße 65 in München. Tel. 089/ 28 36 26.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen

Kommentare