Büchner-Preisträger Rühmkorf an Krebs gestorben

Hamburg - Peter Rühmkorf, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, ist tot. Wie der Rowohlt Verlag am Montag in Reinbek bei Hamburg mitteilte, starb der Büchnerpreisträger am Vortag im Alter von 78 Jahren an Krebs.

Der für seine virtuosen Wortspielereien bekannte Dichter, Essayist und Dramatiker wurde stets auch geschätzt als politischer Mahner mit wachem Blick für gesellschaftliche Missstände. Zuletzt erschienen sein viel gelobtes Buch "Tabu II. Tagebücher 1971-1972" im Rowohlt Verlag (2004) sowie im Frühjahr 2008 der Gedichtband "Paradiesvogelschiß". Noch am Montag war Rühmkorf der mit 10 000 Euro dotierte Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel zuerkannt worden, wenige Stunden bevor der Rowohlt Verlag den Tod "mit Trauer und Bestürzung" bekannt machte.

Rühmkorf hatte zuletzt in einer Bauernkate im Lauenburgischen in Schleswig-Holstein mit seiner Frau Eva-Maria gelebt. Sein geliebtes Haus am Elbstrand in Hamburg hatte er wegen der fortgeschrittenen Krankheit verlassen müssen. Seine Krebserkrankung sei "ein furchtbares Martyrium" gewesen, sagte Rühmkorf im März der Wochenzeitung "Die Zeit". Er habe ein Jahr im Krankenhaus gelegen. "Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten", bekannte der Autor damals. "Der Tod ist ein interessantes Thema, aber er ist für mich nicht das böse Gespenst." Seine ironische Art habe ihm geholfen mit dem Sterben umzugehen, sagte Rühmkorf.

Der 1929 in Dortmund als Sohn einer Lehrerin und eines Puppenspielers geborene Rühmkorf studierte in Hamburg Literaturwissenschaften und Psychologie. Während seiner Tätigkeit als Lektor beim Rowohlt Verlag von 1958 bis 1964 und 1966/67 entwickelte er sich zu einem Lyriker und Essayisten von Format. 1959 erschien der Gedichtband "Irdisches Vergnügen in g" und zwei Jahre später eine vielbeachtete Biografie über Wolfgang Borchert. Seit 1964 war Rühmkorf mit Eva-Maria kinderlos verheiratet. Die Diplom-Psychologin war von 1988-1992 SPD-Landesministerin in Schleswig-Holstein.

Als Redakteur des später in "konkret" umbenannten "Studentenkurier" zog Rühmkorf in den 50er Jahren in zahlreichen Artikeln gegen die "Restauration" der Adenauer-Ära zu Felde und engagierte sich Ende der 60er Jahre in der Studentenbewegung. Mit seinem Freund Klaus Rainer Röhl, dem späteren "konkret"-Herausgeber, rief er das Studentenkabarett "Die Pestbeule" ins Leben. Beide betrieben eine Zeit lang auch den Jazz- und Lyrikkeller "Die Anarche". Der Dichter und Essayist Rühmkorf schaffte schnell den Durchbruch, als Dramatiker blieb er umstritten. Sein Theaterstück "Was heißt hier Volsinii?" (1969) hatte, wie die folgenden, wenig Erfolg.

In seiner Lyrik spielte der Dichter mit herkömmlichen Gedichtformen, parodierte sie oder kombinierte Schrift- mit Umgangssprache. Rühmkorf experimentierte mit der Sprache und arrangierte seine Verse sorgfältig: Für eine halbe Gedichtseite beschriftete er oft 200 bis 300 Blätter. Hervorstechendes Merkmal vieler Rühmkorf-Gedichte sind feiner Witz und subtile Ironie. Doch auch vor drastischen Worten schreckte der Wortkünstler nicht zurück: "...diese Bavaria im Fernsehen gestern, / die die Dürrekatastrophe von Äthiopien ansagte, / wie fanden Sie die? / Allmächtige Teletitten / aufgeboten gegen die hohlen Arschbacken des Todes..." heißt es in einem Poem.

Als politischer Agitator hat sich Rühmkorf, der sich für die SPD im Wahlkampf engagierte, in seinen Gedichten allerdings nie begriffen. Politische Themen blieben stets den Essays vorbehalten. Immer wieder sprach sich der Schriftsteller gegen eine Vermischung von Poesie und Politik aus, so etwa im "Mailied für junge Genossin": "Gestern Kommunist - morgen Kommunist, / aber doch nicht jetzt, / beim Dichten?!" Unter dem Titel "Tabu I" erschienen 1995 seine Tagebücher 1989-1991, die von der Literaturkritik mit Begeisterung aufgenommen wurden und sich "wie ein Schlüsselroman" lasen.

Zahlreiche Gastdozenturen an deutschen, britischen und amerikanischen Universitäten verhalfen Rühmkorf auch zu internationalem Ansehen. 1993 erhielt der vielfach ausgezeichnete Dichter den renommierten Büchner-Preis. Im Februar 2000 gründete er gemeinsam mit Günter Grass die Wolfgang-Koeppen-Stiftung zur wissenschaftlichen Aufbereitung des Nachlasses von Koeppen. Anfang 2005 trafen sich die ehemaligen Mitglieder der "Gruppe 47" - Günter Grass, Hans-Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf - nach 38 Jahren zu ihrer ersten gemeinsamen Lesung nach 38 Jahren in Lübeck.

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