Und auf der Bühne das Leid

- "Ich wünschte, man würde mich durchschauen; doch man sieht nur die Pirouetten und die Ironie." Wenige Tage erst ist es her, da hat Fritzi Haberlandt diesen Satz zum ersten Mal auf einer Bühne gesprochen: im Münchner Volkstheater, zum Auftakt ihrer Lesereise, einer "ganz wichtigen Übung" für die Schauspielerin, die sich hierbei einmal nur auf ihre Stimme verlässt. In ihrem Gepäck trägt sie ein wütendes kleines Büchlein, verfasst 1930, von einer jungen, fast gleichaltrigen Französin. Die war an Leidenschaft und Tuberkulose erkrankt und schrieb, um Einsichten zu geben und Abschied zu nehmen: von der bedingungslosen Liebe, vom lieblosen Leben und vom Husten.

Wenn die zierliche Fritzi Haberlandt mit klarer, fester Stimme aus Marcelle Sauvageots elegischen und doch selbstbewussten Brief-Memoiren "Fast ganz die Deine" liest, befindet sie sich einmal mehr in der Rolle einer sanften und gleichzeitig starken Frau, in der sie auf der Bühne des Hamburger Thalia-Theaters beispielsweise als Lulu oder Marie zu sehen ist. "Ich merke, dass mir das einfach liegt. Selbst in einer schwachen Situation Stärke, aus einer Hoffnungslosigkeit Kraft zu entwickeln und damit umzugehen, das finde ich spannender, als zu zeigen, was mir alles wehtut."<BR><BR>Und wo ist die Sehnsucht nach den kleinen, glücklichen Liebesgeschichten mit Happy End? "Naja, die will ich dann lieber im Leben erleben", lacht die 29-Jährige, "und auf der Bühne das Leid".<BR><BR>So wie in Michael Thalheimers umstrittener "Woyzeck"-Inszenierung, in der Haberlandt die Marie spielt. Diese Aufführung ist am kommenden Wochenende, 12. und 13. März, als Gastspiel in den Münchner Kammerspielen zu sehen. Der Regisseur zeigt hier mitleidslos den Täter Woyzeck, den Serienmörder in seiner beschränkten Welt. "Woyzeck muss sich mit dieser Welt auseinander setzen und scheitert", erklärt Haberlandt. "Sein Scheitern ist das Vernichten dieser Welt."<BR><BR>Dass der Regisseur seinem Woyzeck die gängige, psychologische Entschuldigung für den Mord an seiner Frau vorenthält, gefällt der Schauspielerin: "Es ist so ungerecht Marie gegenüber, denn ich finde, es gibt kein Recht, seine Frau umzubringen." Haberlandts Marie ist ein um Liebe kämpfendes Opfer, das weit, bis zum Betrug, geht, um die Aufmerksamkeit des Geliebten zu erregen. Und Woyzeck zeigt Hemmungen vor seinem letzten Mord. "Beide sind ohne Hoffnung, da macht sie es ihm leicht und stirbt einfach, denn er kann sie nicht abstechen wie die anderen."<BR><BR>Es ist der unblutigste Mord in einer von Anfang an so theaterblutroten Neuinterpretation, dass ein großer Teil des Salzburger Publikums diesen "Woyzeck" bei den Festspielen 2003 heftig ablehnte. Doch in der Reibung zwischen dem alten Text und der neuen Interpretation sieht Haberlandt das eigentlich Spannende des Theaters. "Es ist ein starker Abend", sagt sie, "ein Abend, der einen ziemlich hart anpackt als Zuschauer, ein bisschen überrollt und nichts erklärt".<BR><BR>Vielleicht wolle man danach nicht klatschen, aber zu Hause denke man noch darüber nach. Das ist der jungen Schauspielerin sehr wichtig: "Wir geben da sehr viel, finde ich. Wir zeigen einen großen Gedanken, der sich dann überträgt. Und im Nachhinein denkt man: Gut, dass es so etwas noch gibt, dass so'n bisschen Theater doch jemanden zum Wahnsinn treiben kann!"<BR><BR>Viel besser als in Salzburg wurde dieses "bisschen Theater" in Hamburg aufgenommen. Das liegt auch an den Sehgewohnheiten des Publikums: Es setze sich mit einer Interpretation auseinander, vermutet Haberlandt, und nicht "nur" mit einem Büchner-Stück. Um das Gastspiel-Publikum in den Kammerspielen macht sie sich da überhaupt keine Sorgen: "In München gibt es ja sehr viel Theater, großes und verwirrendes. Dass die Zuschauer nicht nur eine bestimmte Art und Weise von Theater kennen, sondern viele Handschriften und auch viele Zumutungen, ist sehr wichtig. Ich freue mich total darauf. So ein Gastspiel ist ja immer eine kleine Premiere, da kann man es noch mal besonders gut machen." 

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