Nur manchmal blitzen Gefühle auf: Felix Klare als verlorener Sohn und Katharina Hauter als seine Schwester. f: dashuber

Die Bühne als Seziertisch: „Das Missverständnis“ im Cuvilliés-Theater

München - Funktioniert das heute? Warum sollte ein junger Regisseur „Das Missverständnis" von Albert Camus inszenieren, das erbarmungslos und ohne Hoffnung vom Scheitern der Kommunikation erzählt? „Ein Wort hätte genügt", heißt es hier einmal. Die Antwort: „Aber ich fand es nicht, dieses Wort."

Ist das noch nachvollziehbar in einer Zeit, in der sich ein großer Teil des Alltags um Kommunikation dreht, in der das Internet Leben öffentlich macht und Mobiltelefone für permanente Erreichbarkeit sorgen?

Ja, das ist es. Denn Camus bricht in seinem Stück, das einer Versuchsanordnung gleicht, den Konflikt auf die kleinsten Einheiten, das Elementarste des menschlichen Daseins herunter: Liebe und Tod. Mit nur einem Wort hätte sich Jan Mutter und Schwester zu erkennen geben können, und alles wäre gut geworden: Mit seinem Geld hätte der Heimkehrer den beiden das Leben geschenkt, dem sie durch Raubmorde näherzukommen hoffen. Doch: Er fand es nicht, dieses Wort. Wie auch seine Mutter kaum darüber zu sprechen vermag, dass sie die Gäste ihrer Pension ermordet: „Es ist, als würdest du vor gewissen Worten zurückschrecken“, schnauzt ihre Tochter Martha sie an, als die beiden die Habseligkeiten eines ihrer Opfer in einen Müllsack stopfen.

Die Geschichte von Mutter und Tochter, die den Sohn und Bruder nicht erkennen, töten und berauben, hatte Albert Camus bereits in seiner Erzählung „Der Fremde“ (1940) verwendet. Dort taucht sie als Zeitungsnotiz auf, die der Titelfigur im Gefängnis in die Hände fällt. Ein Jahr später deklinierte er das Thema in einem Drama durch. „Das Missverständnis“ wurde 1944 in Paris uraufgeführt. Jan Philipp Gloger, Jahrgang 1981, hat das Stück nun etwas gekürzt im Münchner Cuvilliés-Theater auf die Bühne gebracht. Seine Inszenierung setzt Camus’ Versuchsanordnung mit geradezu wissenschaftlicher Strenge um. Für den gut 90 Minuten langen Abend hat Franziska Bornkamm die an Waben erinnernden, unpersönlichen Gästezimmer aufgeschnitten: Im gleißenden, erbarmungslosen Licht der Scheinwerfer verfolgen die Zuschauer das kommunikative Scheitern der Figuren.

Gloger, der als Regisseur für den „Fliegenden Holländer“ im kommenden Jahr in Bayreuth im Gespräch ist (mit Christian Thielemann am Pult), inszenierte wie auf einem Seziertisch. Seine Szenen sind von bestechender Klarheit - aber eben deshalb auch etwas steril. Gloger hätte sich mehr trauen dürfen. Dass er das kann, zeigt er in der Schilderung des Albtraums, der Jan plagt, der ihn in die Kindheit katapultiert und als Zankobjekt zwischen Mutter und Ehefrau zeigt.

Mit Katharina Hauter, Anne Schäfer, Ulrike Arnold und Felix Klare hat Gloger die ideale Besetzung für sein Kommunikations-Experiment: Klare spielt mit vielen Zwischentönen den verunsicherten Sohn, der voller Liebe zurückkehrt und kaum glauben mag, nicht erkannt zu werden. Ulrike Arnold als seine Mutter ist ein nervöses Bündel, die sich erst befreien kann, als sie erkennt, wen sie getötet hat. Wie viel ihr Sohn ihr bedeutet, wird in Jans Traum klar, in der die Mutter ihn seiner Ehefrau entreißt. Diese spielt Anne Schäfer mit Liebe und Vorahnung - dennoch gelingt es ihrer Maria nicht, Jan von seinem Plan abzubringen. Dessen Schwester Martha zeigt Katharina Hauter als eine Frau, die sich in ihrem Leid eingerichtet hat. Nur manchmal blitzen Gefühle auf. Dann offenbart Hauter, dass auch ihre Figur ein Herz haben muss: Da drängt sich Martha im Streit in eine Ecke des Zimmers. Später erfahren wir, dass sie eben dort als Mädchen immer gespielt habe. Dann verbittet sie sich im Gespräch mit Jan private Fragen - doch Hauter konterkariert die Zurückweisung durch private Gesten und einen vertrauten Tonfall. Es sind diese kleinen Ausbrüche des Menschlichen, die diese Versuchsanordnung spannend machen.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen:

29., 31. März und 1. April;

Telefon 089/ 2185-1940.

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