Bürokrat gegen Demokrat

- Ein kleines Mädchen steuert sein Dreirad durch den Flur eines Bürogebäudes. Es strampelt durch Besprechungszimmer, vorbei an verwaisten Arbeitsplätzen, staubigen Gummibäumen und leeren Stühlen. Wo sind wir? Zweiter Akt, erster Auftritt, im Palast von Madrid. Das Kind ist die Infantin von Spanien. Ihrem großen Bruder hat Schiller ein Epochenstück zugeeignet. Andrea Breth hat am Wiener Burgtheater jetzt ihre Version dieses dramatischen Gedichts vorgestellt. Streng, spröde und spannend. Ein "Don Carlos" ohne die geringste Hoffnung auf Freiheit und mit einem irritierenden Beginn.

<P>Kontrollierte Ruhe eines Hochsicherheitstraktes</P><P>Die Hofdamen entspannen sich bei Fango, Prosecco und Hochglanzmagazinen. Ein Bildschirm sendet Aufnahmen von Wellen an einem Sandstrand. Die Herren regeln Staatsgeschäfte in der Sauna. Das königliche Sommerschloss in Aranjuez ist ein Wellness-Center, dessen Dekadenz für eine geraume Weile über den Ernst des Abends hinwegtäuscht.<BR><BR>Das erste Szenenbild zeigt das Hinterzimmer zu einer grandiosen Topographie des Terrors, die aus dem Bühnenarchitekten Martin Zehetgruber im Laufe des Abends einen kraftvollen Co-Regisseur macht. Den Madrider Herrschaftssitz installiert er in einem imposanten, labyrinthischen Verwaltungsgebäude, dessen Bürozellen und Archiv-Katakomben die Monarchie Philipp des Zweiten als eine menschenfeindliche Behörde enttarnen. Ihr oberster Büroleiter, der König, hat lange erkannt, dass der Himmel leer ist. Um die Besetzung dieser Leerstellen kämpft er mit Aktennotizen und Protokollvorschriften. Intime Briefe werden wie kriminalistische Beweisstücke in Klarsichthüllen gesteckt, Personendaten landen in Hängeregistraturen. Blasse Angestellte sind in Nischen postiert, überwachen, registrieren oder hinterbringen. <BR><BR>Es herrscht die kontrollierte Ruhe eines Hochsicherheitstraktes, in dem ein System subtiler Zeichen Hinweise gibt auf den schönen Strudel verbotener Empfindungen und wilder Animalität. Wenn Prinzessin Eboli, gespielt von Christiane von Poelnitz, stolz und edel dem Carlos ihre Liebe gesteht, dann kann, dann darf das nur geschehen in einem Palmengarten, hinter Glas, bewacht von einem Rudel Bluthunde. </P><P>In dieser Ämterrepublik nehmen sich Carlos und Posa, gespielt von Philipp Hauß und Denis Petkovic, wie zwei empfindungswütige Jünglinge aus, die vergeblich gegen ein von Misstrauen verdüstertes Lebenssystem anrennen. Zwei Revolutionäre, deren Weg schnurstracks durch die Institutionen führt. Die Vorzimmer werden rapide durchquert, um im Zentrum der Macht wilde Funken der Freiheit zu versprühen. So gehört das rhetorische Duell zwischen Philipp und Posa, zwischen dem peinlichen Bürokraten und dem radikalen Demokraten, zu den Höhepunkten des Abends. <BR><BR>Sven Eric Bechtolf als Philipp empfängt Posa am langen, leeren Tisch. Jeden Blickkontakt meidend, widmet er sich mit provozierender Akkuratesse dem Schälen einer Orange. Sein ganzer Körper spricht: Ich habe alles unter Kontrolle. Da schlagen seine Kiefernknochen Alarm. Zucken nervös, senden Signale aus einem wild pulsierenden Seelenleben. Als das Stichwort fällt, Posa kühn und dreist das schöne Wort "Freiheit" in die Amtstube stellt, vergisst sich der König für den Bruchteil einer Sekunde, springt auf, lässt seine rechte Hand dem Schwung von Posas auffordernder Geste folgen, doch dann die Bewegung jäh ins Leere kippen. </P><P>Diese Ellipsen sind es, die immer wieder vom schwankenden Selbstgefühl inmitten einer angestrengt stabil gehaltenen Ordnung erzählen. Virtuos im Überspielen dieser Leere ist Johanna Wokalek als Elisabeth. Ihrer französischen Erziehung verdankt sie die Sublimierung jeder Herzensangelegenheit. Sie spielt das Schreckbild einer jungen, frustrierten Frau.<BR><BR>Andrea Breth ist Realistin genug, um Schillers Erziehungskonzept souverän scheitern zu lassen. Ihr Bühnenbildner Zehetgruber ist Visionär genug, um diesen Geschichtspessimismus mit einer surrealen Szenerie auszustaffieren, in der sich in jedem Moment ein Raum in eine andere Welt auftun könnte.</P><P>Gegen Ende, als immer mehr Befehlsempfänger über die Bühne hasten, häufen sich die Bilder, die an reale Katastrophenszenarien erinnern. Da setzen die rhetorischen Repressionssysteme der höfischen Gesellschaft kurzfristig zum Zeitsprung an und berühren die vermeintlichen Idealwelten und tatsächlichen Gewaltexzesse unserer europäischen Republiken. Das verschleppte Tempo der Traumbilder, die unablässig rotierenden Kulissen machen deutlich: Wir befinden uns in Schillers "Uhrwerk der Seele". Lange waren die Botschaften aus dieser zeitlosen Innenwelt nicht mehr von so bewegender Schärfe. <BR></P>

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