Mit bürokratischer Akribie

Berlin - Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende ist die Suche nach den von den Nazis geraubten Kulturgütern nicht beendet. Unter dem Titel "Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute" zeichnet das Jüdische Museum Berlin die Geschichte und den Konflikt um die Rückgabe der gestohlenen Kunst nach.

Es war wohl eine der größten Plünderungen der Geschichte: Millionen Kunstobjekte und Möbel haben die Nationalsozialisten im Zuge der "Arisierung" ihren jüdischen Besitzern geraubt. Gemälde, Skulpturen oder Silberwaren - mit bürokratischer Akribie durchkämmten die Nazis Wohnungen und Galerien, bereicherten sich selbst, ließen die Werke versteigern oder in Museen ausstellen.

Nutznießer seien neben den Nazis auch Privatsammler, Museen und Kunsthandel gewesen, sagte Museumsdirektor Michael Blumenthal bei der Eröffnung der Ausstellung. Die Suche nach geraubter Kunst ist noch lange nicht beendet, wie das Beispiel von Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" zeigt. Das berühmte Gemälde, das Jahrzehnte im Berliner Brücke-Museum hing, wurde 2006 den Erben ihrer einstigen Besitzer zurückgegeben - unter einer Welle der Protestes mit einigen "antisemitischen Untertönen", wie der Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt, Raphael Gross, sagte. Dorthin wandert die Ausstellung 2009.

Die "Straßenszene" zählt nicht zu den 15 Beispielen, mit denen die Berliner Schau den Weg der geraubten Kunst am Beispiel von Originalen nacherzählt. Das Gemälde hätte der heutige Besitzer, der Kosmetikerbe Ronald Lauder, ohnehin nicht nach Berlin verliehen. "Mit einer neuen Debatte hätten wir der Ausstellung keinen Gefallen getan", sagte Mitkuratorin Inka Bertz.

Eindrucksvoll dokumentiert die Ausstellung die Enteignung, die sich parallel zum Holocaust vollzog. Von Paris bis Vilnius waren die Nazi-Kommandos auf der Suche nach Kunst unterwegs. Unter dem Namen "Sonderauftrag Linz" sollten Kunsthistoriker den Grundstock für eine Galerie Alter Meister in Adolf Hitlers Lieblingsstadt legen. Leiter war der langjährige Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, Hans Posse.

Nachgebaute Umzugskisten umrahmen die Kunstobjekte und Dokumente, mit denen etwa der Weg der Porzellan- und Büchersammlung der Dresdner Familie von Klemperer, der Judaica-Sammlung des Frankfurter Kaufmanns Sigmund Nauheim und der 1400 Stücke umfassenden Kollektion des Amsterdamer Sammlers Jacques Goudstikker nacherzählt wird.

Zu den bekannteren Restitutionsfällen gehört Lovis Corinths "Römische Campagna" aus der Sammlung des Berliner Kunstbibliothek-Direktors Curt Glaser. Der leidenschaftliche Sammler musste sich von seinem Besitz trennen, um die Emigration in die USA zu finanzieren und dort eine neue Existenz aufbauen zu können. Mit Originaldokumenten wird der Weg des Gemäldes nachgezeichnet; von der Auktion und dem Kauf durch den Berliner Immobilienbesitzer Conrad Doebbeke bis in das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover. Glasers zweite Ehefrau reklamierte das Bild, ließ sich aber auf einen Vergleich und der Zahlung von 5000 Mark ein.

Nachdem alle Fristen der Wiedergutmachungsgesetze verstrichen waren, bot erst der Beitritt der Bundesrepublik 1998 zur sogenannten Washingtoner Erklärung die Möglichkeit, den Fall neu aufzurollen. 2003 einigten sich Vertreter der Erben Glasers und des Museums in Hannover auf eine Rückgabe.

Zwar lobte Museumsdirektor Blumenthal die Anstrengungen in Deutschland um die Rückgabe der Raubkunst - einen Rechtsanspruch gibt es allerdings nicht. "Deutschland ist noch immer nicht bereit, ein Restitutionsgesetz zu machen", kritisiert der Anwalt und Sammler Peter Raue auf einem Video in der Ausstellung die Rechtslage.

Bis 25. Januar; Telefon 030 / 259 93 300.

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