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Komiker im roten Stern: Michael „ Bully“ Herbig als Hans Zeisig in der Eingangsszene von „Hotel Lux“.

Bully und die Weltgeschichte

München - Michael „Bully" Herbig hat seinen neuen Film „Hotel Lux" in München vorgestellt - und gleich überrascht: Die Zeiten seiner Parodien sind offenbar vorbei, er will ernsthafter werden. Nur auf der Pressekonferenz im Mathäser nicht.

Von Angelika Mayr

„Bully“ ist erwachsen geworden. Zumindest mental. Vorbei die Zeiten, in denen er rosafarbene Indianer gespielt hat, vorbei die Zeiten, in denen er als homosexueller Mr. Spuck ein Sofa zum „(T)Raumschiff“ umfunktioniert hat. Gestern hat Michael Herbig seinen neuen Kinofilm „Hotel Lux“ in München vorgestellt, und nicht nur seine 2009 dazugewonnenen „Wickie und die starken Männer“-Fanzwerge müssen für diesen „Bully“-Film viel Mut und Grips mitbringen.

„Eine Unverschämtheit finde ich, meine vorhergehenden Rollen als ,clownesk‘ zu bezeichnen“, empört sich Herbig gleich zu Beginn der Pressekonferenz, schiebt aber sofort ein spitzbübisches Grinsen hinterher. In seinem aktuellen Film (Regie: Leander Haußmann) darf er zwar wieder tanzen und Witze erzählen, er spielt den Kabarett-Komiker Hans Zeisig. Doch dieser muss 1938 wegen einer Hitler-Parodie aus Deutschland in die stalinistische Sowjetunion flüchten. Zeisig steigt im berühmt-berüchtigten Moskauer „Hotel Lux“ ab, und fortan versuchen er, sein Ex-Kabarett-Partner Siggi Meyer (Jürgen Vogel) und die bildhübsche Kommunistin Frida van Oorten (Thekla Reuten), von dort wieder zu fliehen.

Mord, Totschlag und Folter (aber ohne viel Blut) also sind die neuen „Bully“-Themen. Zehn Jahre Parodien sind für Herbig genug. Aber für ihn ist das alles sowieso ein und dasselbe. „Ich mache da keinen Unterschied, ob ich nun den Boandlkramer spiele oder einen Komiker in den Dreißigerjahren“, sagt er. „Es ist wichtig, dass man mit einer Ernsthaftigkeit an die Rolle rangeht und versucht, das so glaubhaft wie möglich hinzukriegen.“ Verstecken habe er sich jetzt nicht mehr können, weder hinter einem Dialekt noch einer krummen Nase. Und doch hat er in diesem Film geschätzte fünf verschiedene Bärte im Gesicht.

In die Rolle habe er sich gut „reinmogeln“ können, Hans Zeisig habe keine Ahnung von der Weltgeschichte im Ganzen und diesem Hotel im Speziellen gehabt. „Und ich habe auch Geschichtsunterricht bekommen“, sagt Herbig. Für ihn sei das völlig neu gewesen. „Auch die Namen.“ Viel Polit-Prominenz von damals taucht auf. Mit Josef Stalin (Valery Grishko) trinkt Zeisig auf der Toilette Wodka, Walter Ulbricht (Axel Wandtke) baut beim Nachmittagskäffchen aus Zuckersteinen eine Mauer.

Mit aktuellen Hollywood-Größen hat schon Herbigs holländische Filmpartnerin Thekla Reuten gedreht. Colin Farrell und George Clooney sind darunter. „Yesss!! Und auf ihrer Vita stehe ich jetzt auch drauf“, sagt Herbig und klatscht freudig in die Hände. Gewagt ist die Besetzung des Zeisig mit Herbig allemal, trotzdem stand er für die Rolle schon bei der ersten Drehbuchversion fest. Doch der Star lehnte zuerst ab, die Antwort des Produzenten Günter Rohrbach folgte prompt: „Nein, Sie sagen nicht ab! Einigen wir uns darauf, dass Sie nicht zusagen.“ Das Drehbuch wurde also fortan auf ihn zugeschnitten, genauso wie auf Jürgen Vogel, der einen Kommunisten gibt, der Hitler spielt.

Alle Schauspieler mussten für das Projekt Russisch lernen. Marina, eine reifere, strenge Dame mit weißem Haar, gab ihnen Unterricht. Und Herbig hat - natürlich - eine Anekdote parat: Sie sollte in sein Hotelzimmer kommen, er rief an der Rezeption an: „Bei Ihnen müsste eine Frau für mich da sein, könnten Sie sie raufschicken? Ich kenn’ aber nur ihren Vornamen ,Marina‘. Darauf der Rezeptionist: ,Macht nichts, wir werden sie schon finden‘“, so Herbig peinlich berührt, aber lachend. „Sie beide kommen hoch, ich mach’ die Türe auf und frage auch noch nichts Blöderes als: ,Wie viel haben wir - ne Stunde?‘“

Mit allerlei Vorurteilen hat die „Verwechslungskomödie mit Abenteuer“ (Herbig über „Hotel Lux“) auf der Leinwand schon vor Kinostart am 27. Oktober zu kämpfen. „Ich verwahre mich gegen den Vorwurf der Verharmlosung“, sagt Regisseur Leander Haußmann. Entschieden wehre er sich dagegen, man habe aus etwas Bösem, Schwerem eine Komödie mit Horror-Szenario gemacht. Die Erzählhaltung sei es, die den Film trage. Niemals hätten Opfer oder Täter sympathisch dargestellt werden dürfen, „zum einen aus Respekt, zum anderen weil es nie gut ist, die Perspektive zu wechseln“, sagt Haußmann. Die Perspektive des naiven, unwissenden Kabarett-Komikers Hans Zeisig mache also den Unterschied. So darf nun Zeisig die Gratwanderung zwischen Verbrechen und Unterhaltung beschreiten - und Herbig mit ihm.

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