Bunte Welt im Steinpanzer

- Ein Bauer grub 1709 in der Bucht von Neapel nahe am Meer einen Brunnen. Herauskam kein Wasser, sondern Marmor. Der Landmann war tief unter dem Dorf Resina auf das Theater der antiken Kleinstadt Herculaneum gestoßen. Der Fund stürzte ganz Europa in eine Antikenbegeisterung: Aus den Gräbern, die der Vesuv am 24. und 25. August 79 n.Chr. über den Menschen aufgeworfen hatte, stieg eine fröhliche, elegante, bunte und erotische Welt auf.

Sie wurde hingerissen wahrgenommen und mit Verve nachgeahmt.

Die Archäologische Staatssammlung, München, verknüpft denn auch die reißerisch betitelte Schau "Die letzten Stunden von Herculaneum" mit einem anregenden Rundumblick auf die bayerische Liebe zum römischen Dekor. Ob in der Münchner Residenz, im "Casino" auf der Roseninsel oder ob im Aschaffenburger Pompejanum, die bezaubernde Ausstattung einer antiken Villa wollte man unbedingt genießen - vor allem die Wandmalereien: Farbe hatte sich zum "weißen" Klassizismus gesellt. Im Museum an der Lerchenfeldstraße wird darüber hinaus an das römische Alpenvorland erinnert mit so wunderbaren Stücken wie der Venus von Epfach (bei Landsberg am Lech), Mosaiken oder Bronzegeräten, die in der Vesuvgegend gefertigt wurden und in "Bayern" landeten (ausgegraben bei Rosenheim).

Die Region um den Vulkan war wohlhabend. Das entdeckten die Ausgräber im Steinpanzer von Herculaneum; Pompeji wurde erst Jahrzehnte später gefunden. Bergmännisch legten sie Stollen an, um durch das harte Material in die Stadt zu gelangen, die rund 30 Meter unter dem heutigen Niveau liegt (Pompeji: drei Meter, leichtes Material). Erst in den 1980er- und 90er-Jahren wurde der dem Herkules gewidmete Ort weiter "entschlüsselt". Nahm man wegen der fehlenden Skelette zunächst an, dass sich die Bewohner hatten retten können, fand man nun hunderte von Toten an den Bootshäusern am Strand. Die Flüchtenden waren in einer wohl 500 Grad Celsius heißen pyroklastischen Wolke durch Hitzeschock gestorben. Dann kamen Asche und Bimsstein, schließlich Schlamm. Einige Abgüsse der Gerippe, zum Teil rührend umschlungen, zeigt die Ausstellung, die auch über die vulkanologischen Fakten informiert.

Herkules als Papa, Held und Säufer

Wer sie besucht, wird durch ein schummrig beleuchtetes Szenario aus "Stollen" und "Kammern" geführt. Sie enthalten viel Informatives über den Alltag wie ein Theatermodell und die dazugehörige Filmanimation zur Bühnentechnik, einen Brotlaib oder eine Wiege, aber auch zahlreiche faszinierende Kunstwerke. Noch nie wurden für eine Präsentation (sie war in kleinerem Umfang im westfälischen Haltern, in Berlin und Bremen zu sehen) so zahlreiche Exponate aus Italien weggegeben. Absolute Höhepunkte sind die Werke aus den Villen und dem Augusteum, einem reich geschmückten Platz zur Verehrung des Herrschers. Hier fand man die Statue von Kaiser Titus und große Gemälde. In ihrer Pracht und Könnerschaft bringen sie einem endlich einmal die antike Malerei nahe, die ja fast komplett verschwunden ist. Hier blieb sie erhalten durch das, was die Menschen erschreckend brutal vernichtete.

Naturgemäß war Herkules ein Thema in Herculaneum. Wir sehen ihn als erstaunten Papa sein Söhnchen Telephos beäugen, das von einer Hirschkuh gesäugt wird. Das Bild lebt aus der Spannung zwischen Heldentum, raffiniertem Rückenakt und zärtlicher Fürsorge: Kein Wunder, dass die Verkörperung von Arkadien, eine imposante Frau, das Werk dominiert. Gegen diesen Frieden "inszeniert" die Schau die beiden Läufer (Bronze) aus der Palast-riesigen Villa dei Papiri: Vor einer sich dahinwälzenden Vulkanwolke (Großfoto) scheinen sie wegzurennen. Ein Animationsfilm geleitet die Besucher in dieses "Schloss" bis hin zur Aussichtsterrasse am Meer, bis in die neben Qumran einzige erhaltene antike Bibliothek mit Papyrusrollen (ca. 1800 verkohlte wurden geborgen), bis hin zum Untergang im Vesuv-Material. Büsten von Dionysos, der Dichterin Sappho und des Philosophen Heraklit runden den Eindruck edelster Kultiviertheit ab. Dass dabei die leiblichen Genüsse nie fehlen durften, beweisen deftige Sexszenen und ein völlig unheroischer, stockbesoffen pieselnder Herkules.

Bis 14.6.-1.11., Katalog, Zabern Verlag: 24,90 Euro; Führungen: 089/ 21 12 402.

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