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"Jede Frau kann das lernen, das Publikum honoriert Selbstbewusstsein“, sagt Silvia Plankl, die als Dixie Dynamite auf der Bühne steht.

Festival in München

Mehr Glamour als Striptease: Dixie Dynamite erklärt die Kunst des Burlesque

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München - Seit fünf Jahren gibt es das Burlesque-Festival in München, und das hat viele Fans. Wir haben mit Tänzerin Silvia Plankl alias Dixie Dynamite über die Kunst des Verführens gesprochen.

Langsam zieht Dixie Dynamite den Reißverschluss ihres engen goldenen Rocks Zentimeter für Zentimeter auf – vom Knie bis zur Hüfte. Bis eines von zwei langen Beinen komplett zu sehen ist. Mit ihren roten Lippen lächelt sie ins Publikum, zwinkert. Dann der letzte Zentimeter Reißverschluss. Der Rock fällt zu Boden, Dixie Dynamite steht im Scheinwerferlicht und trägt nur noch das Korsett im Army-Look, das kleine Armee-Hütchen – und ein aufreizendes Lächeln. Donnernder Applaus. Und dabei hat die Show gerade erst begonnen.

Das Festival ist seit Wochen ausverkauft

Dixie Dynamite steht nicht allein auf der Bühne im Münchner Theater Drehleier. Rechts und links neben ihr sind gerade die goldenen Röcke von Lilly Libelle und Rose Rainbow zu Boden gefallen. Zusammen sind sie „Blonde Bombshell Burlesque“ – drei blonde Sexbomben, die tanzen, als ob es kein Morgen gäbe. Es ist eine Show zwischen Sünde und Sinnlichkeit, zwischen Striptease und Schauspiel. Es ist Burlesque. Die hundert Jahre alte Gattung des amerikanischen Unterhaltungstheaters erlebt einen Aufwind. Die Nachfrage für Kurse und Workshops ist groß. Das Burlesque-Festival, das dieses Wochenende zum fünften Mal in München stattfindet, ist seit Wochen ausverkauft. Zeitreisen in die glamouröse und fantasievolle Welt des frühen 20. Jahrhunderts sind gefragt.

Jede Frau kann das lernen

Es ist eine Welt, die Silvia Plankl schon begeistert hat, als sie noch ein Teenager war. „Diesen Bewegungsstil der alten Hollywood-Tänze wollte ich unbedingt auch können“, erzählt die 41-Jährige. Vor acht Jahren meldete sie sich zu einem Burlesque-Workshop an – einige Monate später war Dixie Dynamite geboren. Eine Rolle. Ein Teil von ihr, der sich von allen Zwängen befreien kann. „Dixie Dynamite traut sich mehr als Silvia Plankl“, erzählt sie. Allerdings profitiert Dixie Dynamite von Silvia Plankl. Denn die 41-Jährige ist Tänzerin. Sie leitet ein Vintage-Tanzstudio in München, in dem sie nicht nur Charleston oder Stepptanz unterrichtet, sondern seit einigen Jahren auch Burlesque. „Jede Frau kann das lernen“, sagt sie. In jedem Alter, mit jeder Figur. Denn: „Die wenigsten Zuschauer sind Models. Das Publikum honoriert Selbstbewusstsein.“ Aus sich herauszugehen kann man üben, sagt Plankl. „Das Verführen auch. Und welche Frau möchte das nicht können?“

Dixie Dynamite hat diese Kunst perfektioniert. Ob sie als sexy Putzfrau, Bauchtänzerin oder Cowgirl auf die Bühne kommt, ob Federn, Rüschen oder Armee-Röcke fallen. Es geht um mehr, als dass sich Frauen auf der Bühne ausziehen, sagt Plankl. Es geht um Fantasie. Um eine Geschichte, die erzählt wird. Um das Kokettieren mit dem Publikum.

Mit dem falschen Image aufräumen

Vor fünf Jahren hat Plankl das Münchner Burlesque-Festival zum ersten Mal ausgerichtet, um mit dem falschen Image aufzuräumen, das die Kunstform leider noch oft habe, sagt sie. Es ist mehr Glamour als Striptease. Mehr die Kunst des Verführens, als das Nackt-auf-der-Bühne-stehen. „Die Neo-Burlesque ist frech und lustig“, erzählt sie. Dazu gehören auch Comedy-Elemente, es wird viel gelacht. „Jeder kann seine Talente einbringen“, sagt Plankl. „Wer singen kann, singt auf der Bühne.“

Sie kann steppen und Charleston tanzen, also tanzt Dixie Dynamite als Flapper zu Dreißigerjahre-Musik und steppt als Cowgirl über die Bühne. Dass sie am Ende des Liedes nicht mehr viel anhat, ist fast Nebensache. Beim Burlesque-Festival steht sie dieses Jahr nicht nur mit ihrem eigenen Ensemble „Blonde Bombshell Burlesque“ auf der Bühne. Zu ihrer Revue „Kurven, Tanz & Rote Lippen“ gehören auch Sänger Sandro Luzzu und die mitreißende Moderatorin Philomena von Brühl. Es ist das erste Mal ein reines Ensemble-Festival. Plankl hat dazu Burlesque-Gruppen aus Kanada und den USA eingeladen. „Von Land zu Land gibt es Unterschiede“, erzählt sie. „Die Engländer sind frecher, trashiger, die Amerikaner viel provokanter.“ Das hänge mit den strengeren Gesetzen in den USA zusammen. Durch sie habe sich das Burlesque dort immer mehr zu einer Protestform entwickelt. „Die Tänzer und Tänzerinnen stehen zum Schluss oft völlig nackt auf der Bühne.“

Dixie Dynamite, Lilly Libelle und Rose Rainbow gehen die Show verspielter an. Sie erzählen in und außerhalb ihrer pompösen Kostüme kleine Geschichten. Das kann ein Flirt mit dem Teufel sein, ein Cancan, ein Bauchtanz. Es ist ein Auftritt, bei dem Kleidungsstücke und Hemmungen fallen – und durch den München vielleicht die ein oder andere Burlesque-Tänzerin dazugewonnen hat. Denn in einer Sache sind Dixie Dynamite und Silvia Plankl vollkommen einer Meinung: Burlesque hat nicht nur eine glänzende Vergangenheit, sondern auch eine blühende Zukunft.

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