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Auf sich selbst zurückgeworfen, gebeutelt von Traumata: Cassandre (Roswitha Christina Müller) und Chorèbe (Jochen Kupfer) sehen das Ende Trojas kommen.

PREMIERENKRITIK

„Les Troyens“ in Nürnberg: Letzter Ausweg Tod

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Ein Monumentaldrama, das in Nürnberg mit drei Stunden auf einen Berlioz-Quickie zusammenschrumpft: Calixto Bieito zeigt „Les Troyens“ als nihilistische, starke Bilderfolge zwischen Ritual und Endzeit-Tragödie

Nürnberg - Dann fällt die Gründung Roms eben flach. Oder ein anderer übernimmt sie – jedenfalls nicht Aeneas, in dieser Oper Enée, dem Schleim aus dem Mund quillt, bevor er zur Seite kippt. Freitod durch Tabletten. Aber antike Korrektheit bis ins letzte Detail ist ohnehin nicht Thema dieser Inszenierung. Ein machtvoller Widerhall von Vergils Sage, aufgedonnert zum ausgedehntesten Musikdrama von Hector Berlioz? Da erzählt doch Star-Regisseur Calixto Bieito am Staatstheater Nürnberg lieber von anderem.

Ganz stückgemäß sehen wir Kämpfer, die in die Schlacht ziehen oder an neue Gestade, wo sie auf Widersacher treffen oder, im Falle von Enée, auf eine liebende Königin, Karthagos Herrscherin Didon. Doch der Abend schildert auch: die Einsamkeit der Figuren, ihr Außer-sich- und Ausgesetztsein, ihre Unfähigkeit zum Zwischenmenschlichen, wie sie zurückgeworfen werden auf sich selbst, gebeutelt von Traumata, die eben entstehen, wenn ständig Gott, Orakel oder Pflicht rufen, auf dass ein angeblich alternativloser Auftrag erfüllt werden muss. Was für ein blutiger Dominoeffekt: Damit Griechenland lebt, muss Troja fallen. Und damit der geflüchtete trojanische Held Enée gen Italien ziehen kann zur Gründung Roms, muss sich die frustrierte Didon entleiben.

Figuren eines Todesspiels

Ein Ausweg aus diesem Automatismus? Den gibt es, doch dann allerdings kein Zurück, wie Bieito in Nürnberg zeigt. Nihilistisch begegnet einem hier Berlioz’ Monumentaldrama. Mit seinen fünf Stunden Spielzeit, den Balletten und Volksaufläufen galt „Les Troyens“ lange als unaufführbar. Manche Bühnen splitten das Stück auf zwei Abende, einst in Salzburg war man bei Herbert Wernickes legendärer Deutung inklusive Vesperpause einen Dreivierteltag beschäftigt. Es sei denn, die Partitur wird so gezaust wie in Nürnberg. Der erste Teil („Die Einnahme von Toja“), eigentlich fast eine eigenständige Oper, schnurrt auf einen Berlioz-Quickie von 70 Minuten zusammen. Sehr in Schieflage gerät die Architektur des Werks, ein Best-of, das eigentlich nicht mehr als Apotheose der französischen Grand Opéra durchgehen kann.

Doch die Schlaglicht-Dramaturgie hat Methode und geht in Nürnberg auf. Bieito zeigt kein lineares Drama, keine psychologisch ausformulierten Charaktere. Um Figuren eines Todesspiels geht es, um geleugnete und verdrängte Gefahren, um kollektive Gewalt und Gehorsam, um Mechanismen der Macht, auch um das Scheitern von Sozietäten: Troja begegnet einem als an seiner Dekadenz zugrunde gegangenes Endzeitvolk, Karthago ist ein Gerüstwürfel (Bühne Susanne Geschwender, Kostüme: Ingo Krügler), der von Weißkitteln bevölkert ist – mehr Labor denn Zusammenwirken freier Individuen.

Archaische, intensive Bilder und herausragende Sänger

Für all das findet Bieito einfache, archaische, intensive Bilder. Dass vieles Ritual ist und Arrangement, mag einige gestört haben. Doch die wenigen, umso stärkeren szenischen Zeichen tragen den Abend – gerade in ihren Kontrastwirkungen: Während Roswitha Christina Müller eine Cassandre von exaltierter, fast animalischer Kraft ist, eine offensive Kämpferin auf Augenhöhe der Kerle, bildet Katrin Adel als toupierte Blondine mit substanzreicher, warmer Stimme den größten Gegensatz dazu. Überhaupt wird in Nürnberg ganz ausgezeichnet gesungen. Jochen Kupfer hat man vielleicht noch nie so gut, so fieberhaft im Ausdruck erlebt wie als Chorèbe, Mirko Roschkowski stellt sich unerschrocken und stilsicher der Tenorkillerrolle des Enée, Nicolai Karnolsky ist eine Luxusbesetzung als Narbal und Hectors Schatten.

Auch Generalmusikdirektor Marcus Bosch hat sich zu Beginn seiner letzten Saison mit der Staatsphilharmonie tief hineingefühlt in Berlioz. Die großen klanglichen Verdichtungen werden effektvoll, zuweilen robust ausgespielt. Man erfährt jedoch auch viel von den eigentümlichen, bizarren Klangmixturen. Mühelos, mit eindrücklicher Präzision behauptet sich der Chor des Staatstheaters in der eigentlichen Hauptrolle als leidende bis fordernde Masse.

Verloren ist da das Liebespaar: Enée und Didon finden bei Bieito zusammen in einem erotischen Ritual von dunkler, irritierender Fantasie. Ein nackter Mann wird von ihnen mit Öl begossen und gestreichelt. Die Zweisamkeit währt kurz – nachdem Enée sich vergiftet hat, greift auch die Königin zu Tabletten. Das Durchbrechen von Regeln und Zwängen ist also möglich, sagt der Abend. Allerdings zum größtmöglichen Preis.

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