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Party, die ab der ersten Sekunde der Entgleisung geweiht ist: Szene mit Johann Jürgens (Demetrius, v.li.), Alexander Sprague (The Indian Boy), Michael Stiller (Oberon), Caroline Junghanns (Hermia) und Arnaud Richard (Hymen).

Premierenkritik zu Purcells "The Fairy Queen"

Bieito in Stuttgart: „Eberhard, das ist mein Reich“

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Abgefahren, wunderzart und kultig: Calixto Bieito inszenierte Purcells "The Fairy Queen" für Staatsoper und Staatsschauspiel in Stuttgart

Das gibt Schädelweh, unter Garantie. Allein, weil schon eine Viertelstunde vor Beginn im Foyer gebechert wird. Zum Stößchen mit dem Brautpaar wird Schaumwein gereicht, Titania, eine Spätblühende und bald schwer angeschickert, angelt sich lieber die Whiskeyflasche aus der Theaterbar. Demetrius schollert an der Orgel Abbas „Dancing Queen“, der Priester salbadert Griechisch-Lateinisch, endlich darf das Publikum hinein ins Schauspielhaus, angeherrscht von Titania: Man möge sich doch gefälligst setzen.

Was dann passiert? Schwer zu sagen, ist auch egal. Offiziell wird an diesem Gemeinschaftsabend von Stuttgarter Staatsoper und -schauspiel „The Fairy Queen“ verhandelt. 100 Jahre nach Shakespeares „Sommernachtstraum“ besorgte Henry Purcell eine Neufassung als Musik-Sprechkomödie, „Masque“ genannt. Regisseur Calixto Bieito, sonst gern als von Mensch und allem Sonstigen enttäuschter Grobmotoriker unterwegs, geht für seine Version zurück zu Shakespeare, nimmt Originaltext und Sonette mit hinein. Und das Ergebnis ist ein abgefahrener und wunderzarter, prickelnder und berührender, in weiten Teilen genialer Abend: So gelöst, so poesievoll hat sich Bieito, der zu Münchens Opernfestspielen im Sommer Halévys „La Juive“ inszenieren wird, wohl noch nie ans Werk gemacht. Eine Produktion, mit der die Stuttgarter, kurz nach ihrer maßstabsetzenden „Salome“, auf dem besten Weg sind zum „Opernhaus des Jahres“.

Handlung? Es gibt Wichtigeres, Lebensgefühl zum Beispiel. Statt also die Geschichte um den Streit zwischen Titania und Oberon, die Liebe zwischen Lysander und Hermia und all die anderen Figuren samt erotischer Verwicklungen zu erhellen, verlegt sich Bieito auf Atmosphärisches und Befindlichkeiten. Auf der nebelverhangenen Drehbühne von Susanne Geschwender, wo das von allem ungerührte und trotzdem klangbewusste Staatsorchester unter Christian Curnym am Cembalo die Barockband gibt, ist eine Party zu bestaunen, die ab der ersten Sekunde der Entgleisung geweiht ist.

Als Motivator hat Bieito hier, das aufgekratzte Personal führt es vor, sein Meisterstück abgeliefert. Unmöglich, all die Querverbindungen, die Pointen, Gags, das Wer-mit-wem, die kleinen Tändeleien oder sexuell aufgeladenen Rabaukereien aufzudröseln oder zu schildern. Überraschende Outings unter Hormonüberdosis werden erlebt, der eine findet Lippenstift, Robe und Männer plötzlich ganz schön, der oder die andere aus dem Ensemble des Staatsschauspiels entdeckt sich als Gesangssolist – am hinreißendsten Johann Jürgens (Demetrius) im schwülen Duett mit Tenor Mark Milhofer (Queen of Secresie). Einmal fährt eine „Dornenhecke“ aus Hirschgeweihen hernieder, ein andermal stöckelt die wunderbare Susanne Böwe alias Titania hinauf ins hintere Parkett, um sich einen „Zuschauer“ als Szenenabschnittsgefährten zu holen: „Eberhard, das ist mein Reich.“

Kein Chaos wird dem hingerissenen Publikum vorgesetzt, sondern ein minutiös getimter Ablauf, in den sich Beate Vollacks humorvolle Choreografien bestens einpassen. Die vielen Details dürften sich erst beim mehrmaligen Zuschauen erschließen. Dies freilich wird schwierig: Die komplette Serie der „Fairy Queen“ ist bereits ausverkauft, bei der Oper und Schauspiel nach zwanzig Jahren wieder gemeinsame Sache machen. Seinerzeit, bei Purcells „King Arthur“, riskierte übrigens der heutige Resi-Intendant Martin Kušej erstmals Musiktheater-Regie. Als die Produktion abgesetzt werden sollte, gab es Proteste vor dem Haus. Die Stuttgarter müssen sich vorsehen: Bei Calixto Bieitos Kultabend könnte Ähnliches blühen.

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