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Mit Malunterricht hat sich Carla Juri auf ihre Rolle als  Paula Modersohn-Becker vorbereitet.

Interview zum Kinostart von „Paula“

„Man muss missfallen können“

Aufgewachsen ist Carla Juri in einem Bergdorf in der italienischen Schweiz. Nach ihrem Schauspielstudium gelang ihr 2013 in der Romanverfilmung „Feuchtgebiete“ der internationale Durchbruch. Nun ist sie als Paula Modersohn-Becker in der Filmbiografie „Paula“ im Kino zu sehen. Wir trafen die 32-Jährige zum Gespräch.

Wie haben Sie sich dieser ungewöhnlichen Malerin genähert?

Carla Juri: Wie eine Anthropologin: Ich habe viele Bücher gewälzt und mich über die damaligen sozialen Hintergründe informiert. Ebenso wie ihre Bilder sind Paulas Briefe und Tagebucheinträge sehr emotional – ich habe sie sehr gern gelesen. In Briefen ist immer wieder die Rede von ihrer lauten Stimme und ihrem ausfallenden Gang. Ich habe mir Paula ein bisschen wie eine alte Lokomotive vorgestellt. (Lacht.)

Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten beeindruckt?

Carla Juri: Dass man über sie sagte: „Sie hat vieles mit sich allein gefeiert.“ Diese Selbst-Genügheit – wie sagt man auf Deutsch? Sich selbst genügen, wie in der Kindheit, das ist ihr geglückt. Ähnlich wie Rilke, mit dem sie befreundet war, hat Paula das Kindliche in sich bewahrt. Das fand ich faszinierend.

Rilke vertrat die Auffassung, Einsamkeit sei die Quelle der Kunst. Stimmen Sie dem zu?

Carla Juri: Nein. Und Paula fand das auch nicht. Für sie war Freiheit die Quelle der Inspiration. In vielen Briefen heißt es: „Wenn ich frei wäre, würde ich...“ Doch damals hatten Frauen kein Recht auf ein Studium, schon gar nicht auf dem Gebiet der Kunst. Malen durfte eine Frau höchstens zum Zeitvertreib. Attribute wie „Künstler“, „Intellekt“ oder „Kultur“ waren Männern vorbehalten. Frauen mussten selbstlos und dem Mann hörig sein. Ein unabhängiges Leben war für eine Frau fast unmöglich – nur eine Heirat garantierte das finanzielle und soziale Überleben. Aber Paula war eine unkonventionelle Frau, die sich solchen Einschränkungen nicht unterwerfen wollte.

Was ist für Sie persönlich die Quelle der Inspiration?

Carla Juri: Selbstvergessenheit. Das ist mir wieder klar geworden, als ich zur Vorbereitung auf den Film Malunterricht genommen und wochenlang im Atelier verbracht habe: Ich merkte, wie ich plötzlich anfing, mich so aufs Malen zu konzentrieren, dass ich völlig die Kontrolle über mich selbst verlor. Ich fand das sehr befreiend. Auch vor der Kamera versuche ich, in diesen Zustand der Selbstvergessenheit zu geraten, denn da passieren die besten Dinge.

Regisseur Christian Schwochow meinte, Sie hätten vor der Kamera etwas Anarchisches. Wie muss man sich das vorstellen?

Carla Juri: Paula sagte: „Mich interessiert, wie weit ich gehen kann, ohne mich um das Publikum zu kümmern.“ Das verbindet mich mit ihr: Auch ich finde, wenn man frei sein will, muss man missfallen können. Es macht mir nichts aus,  wenn ich anecke. Ich habe immer versucht, mir treu zu bleiben. Und bisher bin ich damit sehr gut gefahren!

Wie sehen Ihre beruflichen Träume aus?

Carla Juri: Ich hätte wahnsinnig gern mal mit Federico Fellini gearbeitet. (Sie bekommt feuchte Augen.) Tut mir leid, das passiert mir immer, wenn ich an Fellini denke. Ich bin ein großer Fan von ihm. Seine Filme verkörpern für mich eine andere Kultur, eine andere Wahrnehmung. Schade, dass man so etwas im heutigen Kino kaum noch spürt. Ich hoffe sehr, dass das eines Tages wieder kommt!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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