Chaos auf der Stammstrecke: Deswegen verspäten sich die S-Bahnen bis zu 40 Minuten

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Mit Baal im Vietnamkrieg: Doch trotz aller Schauwerte und dem hochengagierten Ensemble um Aurel Manthei in der Titelrolle läuft Frank Castorfs Brecht-Inszenierung am Residenztheater ins Leere. Foto: Thomas Aurin

Premierenkritik

Der Wiederkäuer

München - Alle Jahre wieder führt Frank Castorf in München Regie. Am Donnerstag hatte "Baal" nach Bertolt Brecht Premiere.

Beinahe überhört man ihn: Kurz vor dem Ende dieser vier Stunden und vierzig Minuten langen Inszenierung (eine Pause) im Residenztheater fällt ein wichtiger Satz. „Hier hat sich nichts verändert.“ Stimmt. Leider.

Alle Jahre wieder führt Frank Castorf in München Regie. Aleksandar Denić macht das Bühnenbild. Am Donnerstag hatte „Baal“ nach Bertolt Brecht Premiere, doch wer in der vergangenen Spielzeit am selben Ort Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ gesehen hat, stellt fest: Stil, Ästhetik, Aussage – hier hat sich tatsächlich nichts verändert. Castorf, einst Regie-Rebell gerufen, entpuppt sich als Wiederkäuer.

Denić hat einmal mehr einen drehbaren Abenteuerspielplatz gebaut, mit Stiegen, Zelten, Ecken, Winkeln, Leinwänden. Einzig neu: fernöstlicher Ethno-Kitsch à la Tollwood und ein Helikopter. In diesem Bühnenbild verschränkt der Regisseur Brechts frühes, 1923 uraufgeführtes Drama über den Künstler und Lebemann Baal, der lustvoll gesellschaftliche Konventionen demontiert, mit Indochina-, Vietnam- und Koreakrieg, um zu zeigen, wie der Westen Entwicklungsländer unterjocht – und damit eine Revolution der Unterdrückten auslöst.

„In einer blutigen Operation wird der Kolonialherr in jedem von uns entfernt“, heißt es an einer Stelle. Ach, wäre das doch nur wahr. Bei Castorf ist der Satz bloße Behauptung. Keine Operation, keine Provokation, kein Erkenntnisgewinn an diesem Abend.

Das ist schade für die wunderbaren Darsteller um Aurel Manthei, Franz Pätzold, Bibiana Beglau und Andrea Wenzl, die sich einen Wolf spielen. Vergeblich. Die Inszenierung läuft ins Leere, pendelt laut, doch nichtssagend zwischen Räucherstäbchen und Redundanz, Wasserbecken und Wackel-Kamera, Perücken und Petting, Düsternis und Dampf.

Es hätte eine Reise ins „Herz der Finsternis“ werden sollen, Castorfs „Apocalypse Now“. Es wurde: „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Nur ohne Witz. Langweilig.

Von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 24. Januar sowie am 6., 13. und 28. Februar; Telefon 089/ 2185-1940.

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