München-Premiere

Catch me if you can: Hochstapler als Strahlemann

München - Eine Lebensbeichte als tolle Show: Das Musical „Catch me if you can“ begeisterte am Deutschen Theater.

Da sitzt er nun. Allein in einem Hotelzimmer. Auf dem Bett. Und wühlt im Papierkorb. Mit Hilfe der dort entsorgten Comics und unvollendeten Briefe will FBI-Chefermittler Carl Hanratty mehr über die Person erfahren, die er verbissen jagt – über den raffinierten Betrüger Frank Abagnale. Über den „Mann da drin im Müll“, wie er dazu singt. Es ist eine der beeindruckendsten Szenen des Musicals „Catch me if you can“. Es beruht auf einer wahren Geschichte. Die des gerissenen, wandlungsfähigen Hochstaplers, Scheckfälschers, des Pseudo-Piloten und -Arztes Frank Abagnale, der als Teenager die US-Behörden in den Wahnsinn trieb.

2002 wurde dem US-amerikanischen Felix Krull von Steven Spielberg ein filmisches Denkmal gesetzt, später eines am Broadway. 2013 kam das Hit-Musical nach Wien, Ende Januar war deutsche Erstaufführung an der Dresdner Staatsoperette, und am Mittwoch feierte das sächsische Ensemble nun München-Premiere im Deutschen Theater. Gelungener Auftakt eines knapp zweiwöchigen Gastspiels. Regisseur und Übersetzer Werner Sobotka und das Riesen-Ensemble präsentieren einen bunten, temporeichen, aber genauso emotionalen Abend mit Revue-Charakter. Eine amerikanisierte Show, die mit Schwung, Präzision, Ironie und tollen Kostümen begeistert. Ja, eine Show.

Jannik Harneit alias Frank Abagnale ist eine Art Fernsehmoderator, der seine Lebensgeschichte vor der Festnahme am Flughafen beichtet. Live und ganz in Farbe. Diese originelle Rahmenhandlung ist neben Tanz und Gesang der Hauptunterschied des Musicals zum Hollywoodfilm. Im Gegensatz zur Wiener Version wird der unverwechselbare 1960er-Jahre-Bigband-Style, Swing und Jazz in Dresden – und jetzt auch in München – mit großem Orchester (musikalische Leitung: Peter Christian Feigel) statt kleiner Band adaptiert: ein Gewinn. Im Unterschied zu anderen Musicals geht „Catch me if you can“ in der Figurenzeichnung erstaunlich tief und hat einen ungewöhnlich hohen Anteil an Sprechtexten. „Als ich das erste Mal das Stück gelesen habe, dachte ich nur: Oh mein Gott! So viel reden und tanzen wie jetzt, musste ich noch nie“, sagte Hauptdarsteller Harneit im Gespräch mit unserer Zeitung. Er war vor der München-Premiere besonders nervös. Schließlich hat er an der Bayerischen Theaterakademie August Everding studiert.

Die Aufregung sieht man ihm nun nicht an. Seine Spielfreude umso mehr. Allein der 26-jährige, gebürtige Lüneburger macht den Abend zum Ereignis, meistert sein Mammutprogramm mit Sicherheit, scheinbarer Leichtigkeit, mit viel Charme, Augenzwinkern und jugendlicher Ausstrahlung. Ein wahrer Strahlemann, der mit einem gefühlvollen Tenor, einem weichen und dennoch kräftigen Timbre, in sicherer Höhe und fundierter Tiefe agiert.

Dabei ist sein Abagnale und genauso dessen Verfolger Hanratty hinter der Fassade ein einsamer Mensch, was die Telefonate der beiden eindrucksvoll beweisen. Nikolas Gerdell, eigentlich schlank und jung, spielt den dicklichen, alten Harnatty dienstbeflissen, wunderbar tollpatschig, souverän. Er macht ihn fast zum Publikumsliebling. Beide Hauptdarsteller lassen ihre gewichtigen Hollywood-Vorgänger Leonardo DiCaprio und Tom Hanks trotz optischer Ähnlichkeiten schnell vergessen.

Die anderen Ensemblemitglieder stehen ihnen aber in nichts nach. Bariton Christian Grygas gibt Franks Vater als gescheiterte Leitfigur mit viel Tiefgang, eine Charakterrolle. Johanna Spantzel sorgt als Brenda, Krankenschwester und Franks Zukünftige, die ihn verletzlich und schließlich greifbar macht, mit „Flieg, flieg ins Glück“ für einen der emotionalsten Momente. Das Ballett überzeugt mit Esprit und viel Bein, manchmal vielleicht etwas zu viel. Nach der Pause hat das kurzweilige, szenenreiche Stück ein paar Längen, leistet sich ein paar zu viele Albernheiten, etwas Kitsch, aber das sind auch schon die einzigen Kritikpunkte. Das Ende der Show fällt nach drei Stunden zusammen mit Franks Ende als Gauner; Carl schnappt ihn am Flughafen. Es ist aber auch ein Anfang. Denn wie im wahren Leben werden aus den tragischen Schicksalsgefährten Freunde, aus dem Jäger und Gejagten Kollegen. Frank Abagnale hilft nach ein paar Jahren Gefängnis dem FBI, Betrüger wie ihn dingfest zu machen. Langer, lauter Applaus. Und ein strahlender Jannik Harneit.

Marco Mach

Weitere Vorstellungen

bis 13. September; Karten: 089/ 55 23 44 44.

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