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In einer unglücklichen Ehe gefangen: Carol (Cate Blanchett) und ihr Noch-Gatte Harge (Kyle Chandler).

Interview zum Kinostart

Cate Blanchett: „Ich bin ein bisschen wie eine Amöbe“

London - Sie gilt als beste Schauspielerin ihrer Generation: Cate Blanchett spielte bereits Katharine Hepburn („Aviator“), Bob Dylan („I’m not there“), eine Elbkönigin („Herr der Ringe") und Elizabeth I. („Elizabeth“). Zwei Oscars hat sie, ein dritter könnte im Februar folgen – für „Carol“, ein Melodram über eine Liebe zwischen zwei Frauen, das jetzt in die Kinos kommt. Beim Londoner Filmfestival sprachen wir mit der 46-jährigen Australierin.

Ist Homoerotik immer noch ein Tabu im amerikanischen Mainstream-Kino?

In gewisser Weise ja. Aber seit „Brokeback Mountain“ gab es einige Hollywoodfilme mit homosexuellen Hauptfiguren – insofern muss unser Film nicht mehr die ganze Last alleine tragen. Wäre „Carol“ vor zehn Jahren gedreht worden, hätte sich die gesellschaftspolitische Komponente in den Vordergrund gedrängt. Heute hingegen kann man ihn einfach als wunderschöne Romeo-und-Julia-Geschichte genießen: als eleganten Film über die universelle Kraft der Liebe.

Er spielt in den Fünfzigerjahren, als es lesbische Liebespaare noch schwerer hatten als heute...

Finden Sie? Ich habe kürzlich einen herzzerreißenden Liebesbrief aus dem 15. Jahrhundert gelesen, und es kam mir vor, als wäre er gestern geschrieben worden. Warum sollten Liebende früher etwas anderes fühlen als wir heute? Wenn du dich verliebst, ist das stets beängstigend, gefährlich, unkontrollierbar, und dein Herz schlägt plötzlich schneller – egal, ob du in einem Korsett steckst oder in einem Stringtanga!

Wie war es, die Liebesszenen mit Rooney Mara zu drehen?

Nicht anders oder schwieriger als mit einem Mann. Ich denke nie über mein Geschlecht oder das meiner Filmfiguren oder Leinwandpartner nach – insofern bin ich wohl ein bisschen wie eine Amöbe. Bei jeder Liebesszene frage ich mich nur: Wozu ist sie da? Auf welches Detail kommt es an?

„Carol“ zeigt eine Fülle von subtilen Details – etwa die Art, wie Sie eine Zigarette halten...

Ja, ich liebe diesen Aspekt meiner Arbeit ebenso wie Regisseur Todd Haynes. Weil wir wegen des knappen Budgets unter großem Zeitdruck standen, hat Todd mir vor jeder Szene genau erklärt, aus welchem Winkel er sie filmen wollte und was ihm wichtig war. Und ich meinte dann etwa: Wir müssen aber unbedingt noch dieses Detail einfangen, das ich in der anderen Szene bewusst nicht enthüllt habe. Jede Filmfigur ist für mich wie ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt.

Fällt Ihnen Ihre Arbeit heute leichter als zu Beginn Ihrer Karriere?

Ich weiß nicht. Der erste Drehtag ist für mich immer noch wie der erste Schultag: Es ist aufregend, und ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Und am letzten Drehtag denke ich stets: Was um Himmels Willen habe ich da getan?

In den vergangenen sieben Jahren haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann die Sydney Theatre Company geleitet, viel Theater gespielt und Stücke inszeniert. Hat Sie das als Schauspielerin verändert?

Nun, ich hoffe, ich bin durch die Arbeit mit tollen Leuten an tollen Texten selbst ein bisschen besser geworden – wenn nicht, dann wäre ich wohl eine ziemliche Idiotin! Viele Leute haben mir 2007 davon abgeraten, nach Australien zurückzugehen, weil sie meinten, ich wäre dann in Hollywood schnell weg vom Fenster. Das war mir aber egal. Nach der Schauspielschule hatte ich bloß auf eine lange Theaterkarriere gehofft. Filme drehen zu dürfen, ist für mich jedes Mal wieder eine angenehme Überraschung.

Und wie geht es für Sie nun weiter, wenn der Vertrag in Sydney ausläuft?

Keine Ahnung. Ich glaube, eine kleine kreative Pause wäre jetzt nicht schlecht für meinen Mann und mich. Ansonsten würde ich gern mal eine Weile in Island leben: Ich liebe Vulkanlandschaften, und dort könnte man fast anfangen, an Feen zu glauben. Aber ich kann das nicht allein entscheiden – ich bin ja nur ein Teil einer sechsköpfigen Truppe mit vier Kindern. Wir werden also demnächst mal einen Familienrat halten!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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