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Ralf Otto leitet seit 1986 den Bachchor Mainz.

CD-KRITIK

Bachs Johannes-Passion: Bekenntnis zum Klang

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Mit seiner Neuaufnahme der Johannes-Passion unterscheidet sich Ralf Otto wohltuend von historisch informierten Kollegen.

Mainz - Man höre nur die Choräle. Andere nehmen sie als Nachhall des Bibel-Thrillers, als ob sich die Menge nach all den Grausamkeiten um den Messias gar nicht mehr beruhigen könne. Wieder andere führen sie – ganz protestantisch schmucklos – auf ihre Herkunft als Kirchenlied zurück. Bei Ralf Otto sind sie vor allem: langsam, bedächtig, zwar sehr textbewusst, aber eben auch ein Klangereignis, in dem der Mainzer Bachchor fast genüsslich auf Schlussakkorden verharren darf.

In all der historisch informierten Aufgeregtheit und Widerborstigkeit nimmt Otto mit seinem Ensemble eine Sonderstellung ein. Gewiss, auch das Bachorchester Mainz spielt diese Johannes-Passion auf Originalinstrumenten. Alles ist durchlüftet, elastisch, mittelstimmenorientiert. Und doch ist da ein Bekenntnis zum Klang, zur Schönheit zu spüren, das der Alte-Musik-Bewegung irgendwie verloren gegangen ist.

Nicht nur in seiner Heimatstadt ist der Mainzer Bachchor eine semiprofessionelle Größe. Vor einigen Jahren erregte man Aufsehen mit der Einspielung von Kantaten des Bach-Sohnes Wilhelm Friedemann. Es gibt Tourneen, regelmäßige Festival-Gastspiele und vor allem einen künstlerischen Leiter, bei dem zum Singen immer die Sinnlichkeit gehört. Das heißt nicht, dass das Drastische der Passion unterbelichtet bleibt. Doch Dramatik bedeutet bei Otto nicht Effekt oder Äußerlichkeit. Die raschen Nummern bis hin zum „Lasset uns den nicht zerteilen“ vibrieren mit einer inneren Unruhe, Bachs Zweistünder missrät nicht zum Soundtrack eines Sandalenfilms. Nie klingt der Chor überreizt – auch das ist ein Ergebnis der Erziehungsarbeit Ralf Ottos, der 2005 beinahe Chef des Münchener Bach-Chores geworden wäre.

Herausragende Solisten-Besetzung

Ganz subtil und schlüssig wird hier eine Tempo-Architektur entwickelt. Die Turba-Chöre dürfen, so es das Geschehen erfordert, schnell sein, aber keinesfalls gehetzt. Verdichtet sich die Handlung, etwa in der Szene mit Pilatus, bleibt genügend Raum für die Entfaltung von Text, vokaler und instrumentaler Phrase.

Mit der Solistenbesetzung behauptet sich diese Aufnahme locker gegen die übergroße Konkurrenz. Georg Poplutz, mit kristallklarem, mühelos geführtem Tenor einer der derzeit besten Evangelisten, missversteht seine Rolle nicht als mitleidender Ersatz-Heiland. Fachkollege Daniel Sans geht da in den Tenor-Arien offensiver vor. Bassist Yorck Felix Speer ist als Christus – ganz im Sinne der Harnoncourt’schen Klangdramaturgie – profunde Basis. Julia Kleiter (Sopran), Gerhild Romberger (Alt) und Matthias Winckhler (Bariton) agieren enorm geschmeidig und beweisen zugleich: Barockgesang muss nicht vegan bleiben, vokale Substanz darf schon auch sein. Trotz Bach-Inflation auf dem CD-Markt also noch eine weitere Einspielung der Johannes-Passion? Wenn sie so ausfällt wie diese: unbedingt.

Johann Sebastian Bach:
Johannes-Passion. Bachchor Mainz, Bachorchester Mainz, Ralf Otto (Naxos).

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