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Die Beethoven-Aufnahme des Jahres glückte Jordi Savall mit den Nummern eins bis fünf.

CD-KRITIKEN

Neuaufnahme von Beethovens Symphonien: Vertrauen ist besser

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Beethovens Symphonien lassen sich inszenieren und überreizen - es geht aber auch anders, wie zwei Dirigenten zeigen. 

Bevor es zum Durchbruch kommt, bevor alles im haltlosen C-Dur-Triumph gipfelt, wird die Musik entleert. Eine Ausdünnung, eine Skelettierung – nur noch ein trockener Rhythmus treibt die Splitter voran. Teodor Currentzis kann es auch jetzt nicht lassen. Sogar an dieser extrem zurückgenommenen Passage schraubt er herum, hier ein Mini-Crescendo, dort ein Akzent. Und dann, wenn in Beethovens Fünfter endlich die Erlösung kommt, hat er ein Problem: Der Beginn des vierten Satzes überrascht kaum mehr. Alle Nuancierungswut hat sich ja irgendwann verbraucht, Currentzis’ Pulver ist verschossen.

Kollege Jordi Savall fährt sein Orchester in dieser Passage ebenfalls weit herunter, auf knapp über den Nullpunkt. Auch eine Entleerung, aber Savall lässt alles geschehen, scheint der Musik eher zuzuhören, in sie hineinzuhören, als sie zu forcieren – um genug Luft und Wucht zu haben für die Schlüsselstelle von Beethovens bekanntester Symphonie.

Currentzis vermittelt den Eindruck von Dressur

Symptomatisch sind diese Sekunden: Der Katalane und der Grieche mit russischer Sozialisation liegen bei der Deutung des gesamten Werks himmelweit auseinander. Letzterem wurde, auch das typisch Currentzis, das größere PR-Tamtam gegönnt. Für nur eine halbe Stunde Musik (CDs vertragen bekanntlich rund 80) lässt die Plattenfirma die ganz große Maschine anlaufen. Einwänden, da hätte doch eine weitere Symphonie Platz gehabt, wird im Booklet-Text begegnet: Die Singularität dieser Deutung vertrage kein zweites Werk. Nun, verladen können sich die Klassikfreunde selbst.

Currentzis’ Fünfte, immerhin, zwingt zur Auseinandersetzung. Gerade weil er die Musik nicht in Ruhe lassen kann, bleibt man in jedem Takt dicht dran. Was dieser Dirigent alles in der Partitur entdeckt und mit ihr anstellt, verblüfft in den besten Momenten. Und doch bleibt der Eindruck von Dressur. Im Kopfsatz scheint sich das Orchester MusicAeterna fast selbst zu überholen. Im Fugato des dritten Satzes dringt aggressive Virtuosität aus den Lautsprechern, am ausgeglichensten glückt ausgerechnet der langsame Satz. Der direkte Vergleich mit Savalls Fünfter ist aufschlussreich. Selbstbewusster, selbstgewisser wirkt dieser Beethoven, auch kantabler. Und wenn es extrem dramatisch werden soll wie etwa am Schluss des Kopfsatzes, hat Savall Reserven: Plötzlich ist alles sogar unerbittlicher, rigoroser als bei Currentzis.

Beethoven bedeutet für Savall, den dirigierenden Gambisten mit Hang zu Renaissance und Barock, noch immer Rand-Repertoire. Vor 16 Jahren legte er nach langer Proben- und Konzertarbeit mit seinem Orchester Le Concert des Nations die dritte Symphonie, die „Eroica“ vor. Das Ergebnis überwältigte – und erfährt nun eine Steigerung. Zum 250. Geburtstag spielte Savall die Symphonien eins bis fünf ein, die übrigen werden folgen. Eine neue „Eroica“ ist dabei, delikater, feinhumoriger als die Erstversion, dichter und satter im Klang. Savalls Beethoven-Furor speist sich aus der Darstellung der Musik, nicht aus ihrer Überreizung. Ein Dirigent, der vertraut, auch seinen Musikern. Und das hört man in überscharfer Qualität, gewissermaßen in Super-HD. Die Aufnahmetechnik von Savall-Einspielungen ist schier konkurrenzlos. Als ob an jedem Instrument ein Mikrofon befestigt wurde, so verfolgt man die Werke. Alle fünf Symphonien leuchten und brodeln in analytischer Klarheit. Und dass manches zum Paukenkonzert gerät, sei verziehen: Hier zuzuhören, macht einfach Spaß.

Erstaunlich wenige Neuaufnahmen

Erstaunlich, dass zu Beethovens 250. Geburtstag nicht mehr Symphonien erscheinen. Andererseits: Der Markt ist übersättigt. Und die Zeiten, als ein Karajan alle paar Jahre eine Neuaufnahme herausbrachte (und sich dies auch noch rechnete), sind längst vorbei. Wo sich Nischen finden, das ist im Segment des sogenannten Originalklangs. Und der, das zeigen nicht nur Savall und Currentzis, kann höchst unterschiedlich ausgelegt werden.

Man höre dazu noch Pablo Heras-Casado. Der hat sich die Neunte vorgenommen – und kann sich beim Freiburger Barockorchester auf das Alte-Musik-Ensemble mit dem farben- und variantenreichsten Klang verlassen. Kein Pathos, dafür ein lustvolles, temperamentvolles Auf- und Entblättern der Partitur. Die Zürcher Singakademie lässt im Finale nicht die Stimmbänder bluten, sondern den Text strahlen. Sowohl in der Neunten als auch in der Chorfantasie (mit Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier) gibt es keinen künstlichen Druck, keine Inszenierung, keine Theatralisierung.

Die Deutung Heras-Casados trifft sich hier mit der Savalls. Dass Letzterem die Beethoven-Krone gebührt, liegt an der grundsätzlichen Haltung. Savalls Beethoven ist groß, weil die kompositorischen Mittel freigelegt werden, ohne sie zu benutzen. Alles wirkt aus sich heraus. Gut vier Monate vor Toresschluss sei daher die Wertung riskiert: Diese Box ist die Beethoven-Aufnahme des Jahres.

Ludwig van Beethoven:
Symponien Nr. 1 bis 5, Le Concert des Nations, Jordi Savall (Alia Vox);
Symphonie Nr. 9, Freiburger Barockorchester, Pablo Heras-Casado (harmonia mundi);
Symphonie Nr. 5, MusicAeterna, Teodor Currentzis (Sony).

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