+
„Ich wollte es dieses Mal noch ausgefallener“: Am Freitag erscheint die neue CD von Lena.

CD-Kritik und Portrait

Neues Album: Lena Meyer-Landrut ist angekommen

Mit ihrem vierten Album „Crystal Sky“ erfindet sich Song-Contest-Gewinnerin Lena neu.

Eine alte Fabrikhalle in München. Unmengen an weißen Kerzen tauchen sie in ein romantisches Licht. Vorn begrüßt Lena Meyer-Landrut ihre Gäste. Im langen, schwarzen Kleid. Pferdeschwanz. Und äußerst hibbelig, nervös: „Oh Gott, ich bin so aufgeregt, so gespannt, was ihr sagt.“ Die Sängerin ist gekommen, um vor Medienvertretern ihr Album „Crystal Sky“ zu präsentieren, das heute erscheint. Zwei Lieder an diesem Abend singt Lena live. Die meisten Songs moderiert sie nur an. Während sie vom Band laufen, sitzt sie am Rand, lauscht ihrer Stimme, wippt, singt leise mit und schaut skeptisch ins Publikum, wie denn ihre Musik ankommt. In den Pausen geht sie umher, fragt direkt nach und bekommt größtenteils positive Reaktionen. Klar, bei solchen Veranstaltungen. Nicht hundertprozentig klar bei der CD.

Die Nervosität ist jedenfalls verständlich. Schließlich habe sie in ihre vierte Platte mehr Herzblut als in die vorherigen gesteckt, die Songs selbst mitgeschrieben und sie mit mehreren namhaften Textschreibern und Produzenten aufgenommen, sagt Lena. Ihren Entdecker und Mentor Stefan Raab hat sie dagegen zum zweiten Mal links liegen gelassen. Zum anderen hängt für Lena viel von dieser Platte ab. Sie gibt die Antwort darauf, ob die 23-Jährige wie viele ihrer Kollegen langsam in der Versenkung verschwindet oder ihre ungewöhnliche Karriere weitergeht, die mit dem Höhepunkt begann.

Es war 2010, als eine Schülerin aus Hannover erst zu „Unser Star für Oslo“ kam und in Norwegen dann mit „Satellite“ nach Nicole zweite deutsche Song-Contest-Siegerin wurde. Plötzlich war sie Everybody’s Darling – ein Druck, dem Lena nicht standhalten konnte. Zumal sie von Stefan Raab mit dem Plan der Titelverteidigung beim Heimspiel in Düsseldorf medialem Dauerfeuer ausgesetzt wurde. Die Stimmung kippte schnell. Aus dem niedlichen, schlagfertigen, Arme-rudernden Mädchen wurde eine zickige, nur noch nervende Lena. Doch nach einer Pause kam sie im Oktober 2012 zurück. Seither versucht die Wahl-Kölnerin, sich freizuschwimmen, verlorene Sympathien wiederzugewinnen, eine ganz normale Karriere nach dem kurzen Steilflug aufzubauen. Mit erstem Erfolg: Auf der dritten CD „Stardust“ klingt sie nicht mehr einfach nur niedlich, sondern fröhlich, folkig, forsch, fordernd, insgesamt erwachsener (ohne das Kindische ganz abzulegen) und bei sich angekommen. Und nun?

Erfindet sie sich neu und legt ein mutiges elektronisches und tanzbares Glitzerwerk vor. Elektropoppig-hämmernd und stark geht es schon los mit „The Girl“. Genauso kraftvoll kommen die folgenden Songs daher, bis mit „Sleep Now“ die erste Gitarren-Ballade erklingt. Danach wieder viel Synthesizer, Hall, fast etwas zu viel. Sogar Rap. Verspieltheit schlägt Eingängigkeit. Am Ende nochmal ein ruhiger Song, „Home“ als Hommage an eine verstorbene Freundin. „Ich wollte es dieses Mal elektronischer, noch ausgefallener und meinen persönlichen Musikgeschmack noch mehr ausleben“, sagt Lena. „Ich wollte schon weiterhin Pop machen, der die Leute erreicht, und nicht am Ende verkopft im Keller spielen. Trotzdem wollte ich verstärkt meinen künstlerischen Anspruch mit einbringen.“

Nein, das ist nicht mehr die süße „Satellite“-Lena, das Fräuleinwunder. Das ist mehr die mystische Lena nach Art ihres zweiten Grand-Prix-Titels „Taken By A Stranger“. Das ist eine neue Lena, die sicher alte Fans vergrault und weniger neue dazugewinnt. Die etwas zu viel nach Ellie Goulding (etwa bei „Traffic Lights“) und Kylie Minogue klingt. Und trotzdem: Es ist eine Lena, die endlich die Musik macht, die sie will und bei der sie erstmals nach Auslaufen des Castingshow-Vertrags künstlerisch völlig freie Hand hatte. Diese Karriere ist sicher noch nicht vorbei.

Mittlerweile steht Lena plaudernd und gelöster am Drei-Städte-Buffet. Weil ihr Album in Berlin, London und Los Angeles entstand, gibt es Currywurst, Fish & Chips und Mini-Burger. Lena greift zum Caesar Salad. „Crystal Sky“ erscheint übrigens zufällig kurz vor dem diesjährigen Song Contest in Wien. Eine weitere Teilnahme irgendwann? Ausgeschlossen. „Ich habe meine Pflicht erfüllt. Ich habe das Ding gewonnen. Das muss reichen.“

Lena: „Crystal Sky“ (Universal)

Marco Mach

 

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Im Minenfeld
München - Bernhard Maaz, Chef der Staatsgemäldesammlungen, spricht im Merkur-Interview über Kunst in der NS-Zeit, Gurlitt, Raubkunst, Provenienzforschung und Restitution.
Im Minenfeld

Kommentare