Die „Beweinung Christi“ von Sandro Botticelli.
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Die „Beweinung Christi“ von Sandro Botticelli bringt vor allem die Trauer Marias auf bestürzende Weise zum Ausdruck. Das Gemälde entstand um 1490/95 und ist eines der Glanzstücke der Alten Pinakothek.

Neuaufnahmen aus Hamburg, Stuttgart und Großbritannien

CDs mit Pergolesi, Händel und Bach zur Passionszeit: Der Schock liegt im Detail

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Ein Barock-Hit, bestürzend und verblüffend neu ausgehört: Riccardo Minasi und dem Ensemble Resonanz glückt die Passions-CD des Jahres.

„Vereinsamt sterben“, so sah sie ihren Sohn. „Seinen Geist aushauchend“ – „dum emisit spiritum“, wie es der liturgische Text sagt. Und auch aus der Musik weichen hier Seele und Atem. Wobei Giovanni Battista Pergolesi ein grausiges Psychospiel entfacht. Immer wieder flammt Zuversicht auf (oder eine Erinnerung an gemeinsame Zeiten), bis Streicherpeitschenschläge diese Momente zerstören.

Verblüffend, wie der neapolitanische Barockmeister die Trauer Marias um den gekreuzigten Jesus mit einfachsten Zutaten, mit minimalst besetztem Ensemble erzielt. Und noch verblüffender, wie man diese Wirkung steigern kann. Denn so, wie Dirigent Riccardo Minasi und das Ensemble Resonanz (nicht nur) diese Stelle inszenieren, hat man Pergolesis Stabat Mater tatsächlich noch nicht gehört. Das Stück, geschrieben für Sopran, Mezzo und Orchester, ist diskografisch gesehen ein Hit. Auch, weil damit die Arrivierten der Zunft bis hin zu Opernstars ihr Barock-Image aufpolieren können.

Wieder einmal, wie bei Haydns „Sieben letzten Worten“ und den drei letzten Mozart-Symphonien, ist dem römischen Dirigenten und dem Hamburger Ensemble eine Referenzaufnahme geglückt. Schon die instrumentale Einleitung, das Verdämmern der Musik, das sich vergebliche Aufraffen, das Nachzeichnen von sich begegnenden, verschlingenden, auch sich abstoßenden Linien, ist frappierend. In wenigen Sekunden entsteht ein erschütterndes Bild der Kreuzigungsszene, ohne dass eine Solistin auch nur ein Wort gesungen hat.

Neuzuordnung eines angeblichen Pergolesi-Werks

Was diese Aufnahme über alle anderen des Stabat Mater erhebt, ist ihr Detailbewusstsein, ihre Intensität im Mikrokosmischen, ihre Hochdramatik en miniature – es ist der Beweis, das die schockierende Karfreitagsszenerie sich nicht äußert in Donnerwirkungen, sondern manchmal in einer Vokalkadenz, in einer längeren Verzierung (die es auf anderen Einspielungen nicht gibt), in der die Musik plötzlich den Boden zu verlieren scheint.

Giulia Semenzato (Sopran) und Lucile Richardot, eine Mezzosopranistin mit androgynem Counter-Sound, sind dafür ideale Solisten: weil sie sowohl mit dem Orchesterklang verschmelzen als auch in opernhaften Dialog treten können. Mehr als eine Zugabe auf dieser CD sind eine Sonata von Angelo Ragazzi (1680-1750) und ein Salve Regina. Einst war Letzteres Pergolesi zugeschrieben, Minasi konnte herausfinden, dass es vom Katalanen Joan Rossell (1724-1780) stammt. Eine jahrhundertelange Falsch-Zuschreibung, die aber verständlich ist: Der 20-Minüter wirkt wie ein Pergolesi-Abziehbild.

Bach kommt heuer vom Team Stuttgart

Alle anderen Neuaufnahmen mit Vertonungen des Passionsgeschehens haben es dagegen schwer. Das britische Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen hat immerhin eine Trumpfkarte: Mit der Brockes-Passion von Händel beteiligt es sich an der Wiederbelebung eines überraschenderweise vergessenen Werks. Überraschend? Der Text des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) war seinerzeit ein Bestseller. Über zehn Mal wurde er vertont, Bach verwendete Teile davon. Kollege Händel nutzte ihn für sein einziges deutschsprachiges Oratorium. Cohen und seinem Ensemble glücken hier eine Verschränkung von Intimität und leuchtendem Farbauftrag. Dass Händel Opernhaftes mit der Handbremse schrieb und ohne den dramatischen Druck à la Bach, wird deutlich und nie als Manko musiziert – auch in den wenigen Bravour-Arien. Sandrine Piau und Stuart Jackson liefern dafür stilsichere Soli, erst recht Konstantin Krimmel, größte Bariton-Entdeckung der jüngeren Zeit, als Christus.

Eine CD-Passionszeit ohne Bach? Vom Team Stuttgart stammt heuer der notwendige Beitrag. Unter Hans-Christoph Rademann hat sich die Gaechinger Cantorey längst vom Übergründungsvater Helmuth Rilling emanzipiert. Wie er ist Rademann in der Matthäus-Passion kein Bilderstürmer. Andere mögen auf die (oft oberflächliche) Dramatik des klingenden Sandalenfilms setzen. In dieser Neuaufnahme gibt es anderes: einen scheinbar entspannten, sehr balancierten Chorklang. Ein Orchester, dessen Solistinnen und Solisten nicht sich selbst produzieren, sondern ihr Spiel in den Dienst der großen Sache stellen. Flüssige Tempi, ohne dass diese als bewusst schnell empfunden werden. Keine Überreizungen in den Turba-Chören, vor allem aber geschmackvolle, nie zur Schau gestellte Verzierungen in den Da Capi.

Sehr natürlich, wie selbstverständlich begegnet einem der Dreieinhalbstünder – wobei manches auch ins Neutrale driftet. Peter Harvey, Stamm-Bassist normalerweise von John Eliot Gardiner, gibt ein weiteres Mal den idiomatisch genauen Christus. Patrick Grahl untermauert seine Stellung als der kommende Evangelist. Auch auf den übrigen Solo-Positionen gibt es keine Eitelkeiten. Eine Bach-Passion als gute und verlässliche schwäbische Wertarbeit.

CD-Informationen:
Pergolesi: Stabat Mater u.a., Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi (harmonia mundi);
Bach: Matthäus-Passion, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann (accentus);
Händel: Brockes-Passion, Arcangelo, Jonathan Cohen (Alpha).

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