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Auf dem Weg zu neuer Innerlichkeit: Cecilia Bartoli offerierte ein klug zusammengestelltes Händel-Programm.

Konzert im Prinzregententheater

Cecilia Bartoli: Spitzentanz und Wahnwitz

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München - Händel gehört zu ihren Leib- und Magenkomponisten. Und trotzdem entdeckt Cecilia Bartoli immer wieder Neues - für sich und für ihr rasendes Publikum im Prinzregententheater.

Nach drei Zeilen „Summertime“ versiegt der Text. Kann passieren, kleiner Blackout. Womöglich säßen wir jetzt noch im Prinzregententheater und würden dem ins Unendliche gedehnten Fermatenschluss aus Agostino Steffanis „A facile vittoria“ lauschen. Ein stimmbandverknotender Barockwettkampf zwischen Vokalstimme und Trompete ist das eigentlich. Cecilia Bartoli und der phänomenale Thibaud Robinne lassen die Zugabennummer bis in den Jazz mäandern. Wahnwitz und Perfektion vermählen sich, das Haus rast.

Dabei ist la Bartoli gar nicht als Koloraturenspringball unterwegs an diesem Abend. Mit Händel-Kost aus „Il trionfo del tempo“, „Semele“ oder „Apollo e Dafne“ brennt sie nur selten Feuerwerke ab, man wird vielmehr Ohrenzeuge einer sehr besonderen, sehr eigentümlichen Innerlichkeit. Die erschöpft sich nicht im Säuseln, sondern ist auch hier mit einer Intensität aufgeladen, wie sie nur dieser Superstar erzielt: Das bis zum Zerreißen gespannte Piano von „Verso già l’alma col sangue“ aus „Aci, Galatea e Polifemo“ erzählt mehr über die Todesnähe des Königssohns im Vergleich zu anderen Interpretationen, die sich in gehauchter Schwarzmalerei erschöpfen.

Dass Cecilia Bartoli nicht das einschmeichelndste Timbre hat, weiß sie selbst. Ebenso, dass in dieser nicht mehr ganz frühen Karrierephase andere, reifere Qualitäten gefragt sind. Auch das aktuelle Händel-Programm bietet also die Begegnung mit einer immens klugen, in jeder Hinsicht selbst-bewussten Künstlerin. Es gibt Zaubereien an der unteren Dynamikgrenze, olympische Verzierungsgirlanden, aber eben auch eine wie auf Spitze gesungene Delikatesse und ein subtiles Spiel mit der Weite des Tons: Selbst bei Schlagern wie „Lascia la spina“ stockte einem der Atem. Nur Nummern absondern, dafür ist die Bartoli nicht zu haben. Ein kleiner Spiegel und ein Handy reichen, um aus Semeles „O Ecstasy of Happiness“ eine herrlich narzisstische Selfie-Szene zu machen, die jeden Regisseur beschämt.

Zur genau dosierten Dynamik passt das Spiel von Les Musiciens du Prince. Das Orchester hat die Bartoli selbst gegründet. Arien und Instrumentales mit Solo-Einlage sind folglich auch Leistungsschau: Nach Könnern wie Jean-Marc Goujon (Flöte), Pier Luigi Fabretti (Oboe) oder Michael Metzler (Schlagwerk) dürften sich andere Barockbands verzehren. Musiziert wird nicht zu offensiv und harsch, eher lässig, balanciert, mit natürlicher Virtuosität. Der Höhepunkt? Vielleicht Ariodantes „Scherza infida“ zwischen enttäuschter Wut und jenseitssüchtiger Verzeiflung. Gottlob nur noch sechs Monate, dann gibt’s das gesamte Stück bei Santa Cecilias Salzburger Pfingstfestival.

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