Cecilia Bartolis neue CD: Wunder fürs Wohnzimmer

Von Markus Thiel - Maria Malibran (1808- 1836) war eine der populärsten Diven des 19. Jahrhunderts. Eine virtuose Künstlerin, aber auch ein emanzipierter Freigeist. Auf ihrer neuen CD widmet sich Cecilia Bartoli der großen Vorgängerin. Und dies auf etwas gewöhnungsbedürftige Weise.

Eine Provokation ist natürlich Normas "Casta Diva". Wo Kolleginnen mit schmerzvoller Vokal-Pose das "Diva" vor allem auf sich selbst beziehen, kommt von der Bartoli ein sexy Säuseln. Nicht ans Parkett wendet sich die Römerin, sondern ans Mikro, das offenbar zwei Zentimeter vor ihren Lippen platziert wurde: Bellinis Hit als gehauchte Intimkunst. Und auch wenn im CD-Booklet schon die Vorab-Verteidigung steht (laut Partitur alles Pianissimo!), wundert man sich. Die Bartoli demnach eine Belcanto-Expertin?

Bedingt. Auf alle Fälle eine fleißige Archivstöberin. Fast alle CDs des temperamentvollen Stars kreisen ja um ein Thema und präsentieren die Bartoli als Frau für besondere Fälle. Schon die Scheibe von 1992 ("Heroines") vereint Arien, die Rossini für seine Frau Isabella Colbran schrieb. Später folgten das "Italienische Liederbuch", Salieri- und Vivaldi-Album, jüngst der "verbotene" Zierrat von "Opera Proibita" sowie, am allerbesten, die Stimmbandwärmer der "Arie antiche".

Immer das Kammerkätzchen à la Zerlina spielen, dies wurde Cecilia Bartoli dann doch zu öde. Mit Bellinis Norma, seiner Elvira ("I puritani) oder Amina ("La somnambula") greift sie nun hoch. Etwas zu hoch, wie sich auf der CD herausstellt, die das Malibran-Repertoire vereint und mit respektablem medialem Getöse angekündigt wird.

Immerhin bietet die Bartoli Dinge, die mancher Konkurrentin nie glücken. Einen nahezu perfekten Registerausgleich, angriffslustig gestanzte Koloraturen, druckfreie Piani, überhaupt das mühelose Einbinden von Verzierungen in die vokale Linie. Und überrumpelnde Gimmicks wie das Kastagnetten-Geklicker von Malibran-Papa Manuel García, Johann Nepomuk Hummels Edel-Jodeln oder ein "Rataplan" von der Malibran selbst, in dem leicht durchgeknallt und mit beängstigend rollendem "R" das Militär verherrlicht wird.

Was die CD demonstriert: Im 19. Jahrhundert hat ein Stimmwunder die Fans von Neapel über Paris, London bis New York zur Raserei gebracht - und die Kastraten, die um ihre Pole-Position fürchteten, zum Kochen. La Malibran, gesegnet mit schmaler Taille und dickem Vokalumfang von drei Oktaven, war so etwas wie Callas, Gruberova und Netrebko in einer Person.

Geboren wurde sie in die hochmusikalische García-Familie hinein. Ihre Schwester war die berühmte Pauline Viardot. Und als Papa sich anschickte, über den großen Teich zu reisen, wurde Maria der Star der US-Musikwelt. Sie heiratete einen Jahrzehnte älteren Mann, der uninteressant wurde, als er bankrott ging, sang danach halb Europa schwindlig, stürzte eines Tages vom Pferd und erlag, als Schwangere, den Spätfolgen dieses Unfalls.

Dank Stimmfärbung war sie eher als Universal-Mezzo mit guten Extremlagen einzuordnen. Ein Grund mehr, warum sich der aktuelle Star kokett mit der Vorgängerin identifiziert ("Maria Cecilia Bartoli"), dabei jedoch nur Näherungswerte erzielt. Denn wo die triumphierende Geste gefragt wäre, das Applaus provozierende Finish, wagt sich die Römerin kaum aus der Deckung.

Man höre etwa Mendelssohn Bartholdys "Infelice"-Szene, in der die Bartoli ihre Stimme am kurzen Zügel führt, sie jedoch, wo es die Entwicklung einer Phrase verlangen würde, nie zum Aufblühen oder Öffnen bringt, dafür im letzten Moment auf die Bremse tritt. Seltsam verhalten klingt das nicht nur in dieser Arie, nach innen gesungen, undramatisch, auch künstelnd und in den Cabaletta-Strecken arg neckisch.

Wie will die Bartoli live über Chor und Orchester kommen?

Natürlich weiß die Bartoli um die überschaubare Dimension ihrer Stimme. Wucht oder Spitzentöne allein sind ja keine Qualitätsmerkmale. Doch abgesehen von offensiven Momenten in Garcías "Son Regina" oder einem akrobatischen Rondo von Lauro Rossi beschleicht einen bald der Verdacht: Was da als Interpretations-Tugend verkauft wird, ist ein Grenzgang. Mehr geht einfach nicht.

Und mag Adam Fischer das Alte-Musik-Orchester "La Scintilla" auf Spitze, mit Nadelstich-Akzenten und im unteren Dynamikbereich spielen lassen: Klar wird nicht, wie die Bartoli live über Instrumente (und Chor) hinwegkommen will. Eine Interpretation also weniger für den Saal, eher fürs Wohnzimmer. Und damit ein Experiment. Immerhin.

"Maria Cecilia Bartoli", Orchestra La Scintilla, Adam Fischer (Decca). Die CD erscheint am 14. September, am 2. Dezember gastiert Cecilia Bartoli im Münchner Gasteig.

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