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Lorin Maazel.

Missa Solemnis als Celibidache-Karikatur

München - Chefdirigent Lorin Maazel begnügte sich damit, die Münchner Philharmoniker durch Beethovens Missa Solemnis zu lotsen.

Etwas Nostalgie muss jetzt sein. Beim Erinnern an eine Zeit, als Lorin Maazel das BR-Symphonieorchester einst zum dicht gedrängten Beethoven-Zyklus nötigte – und diesen mit einer Missa Solemnis krönte, die zum Besten zählte, was der Maestro in München dirigiert hat. Zeiten und Orchester ändern sich, und wohl auch die Möglichkeiten eines Pultstars. Einmal, und dies sehr spät, blitzte in dieser Missa Solemnis bei Maazels aktuellem Orchester, den Münchner Philharmonikern, die einstige Form auf. Als der Chef bei der Gloria-Fuge zupackte, die komplexen Passagen nicht nur lichtete, sondern auch mit der nötigen Energie versorgte. Und später, im Credo, wenn Beethoven Jesu Geburt in mirakulösen Klang kleidet, da war das unsagbare Wunder auch in dieser Gasteig-Aufführung zu spüren.

Ansonsten zieht sich Lorin Maazel mittlerweile zurück. Auf ein Lotsen-Dasein, auf ein fast passives Kontrollieren, auf eine Lässigkeit, die unangemessen ist für Beethovens Opus summum. Immerhin bewahrt der Philharmoniker-Chef die Aufführung vor dem Überreizten, Überforcierten, vor stimmtötender Aufgeregtheit. Das dürfte ihm der in Bataillonsstärke angetretene Philharmonische Chor gedankt haben. Durch die pure Masse mussten Forte und Fortissimo nicht mit blutenden Stimmbändern hergestellt werden: Der Klang war einfach da. Rund, bemerkenswert homogen, in Extremlagen kaum angestrengt.

Ansonsten verfolgte man die Zeitlupen-Wiederholung einer „echten“ Interpretation. Breite Tempi sind per se legitim, doch sollten die dann irgendwie gefüllt werden. Hier freilich verläpperte das Stück im Spannungs- und Inhaltslosen, manches lief (wie im „Miserere“ des Gloria oder im Agnus Dei) sogar aus dem Ruder. Und wo Beethoven Außerreligiöses hereinbrechen lässt, etwa mit den Kriegsfanfaren des Agnus Dei, da schien’s, als schlurfte ein Regiment Fußkranker vorbei. Das Solistenquartett: ein Sündenfall des Besetzungsbüros. Einzig Tenor Christian Elsner zeigte stilsicheres Potenzial, wurde aber von Maazel ausgebremst. Daniela Barcellona (Mezzo) fremdelte mit Beethovens Idiom, Albert Dohmen (Bass) gab den Knurrhahn und Joyce El-Khourys Sopranklirren ließ die Saaltemperatur gefährlich fallen. Nach eineinhalb quälenden Stunden war der Spuk vorüber. Eine Celibidache-Karikatur. Das aber wäre falsch verstandene Nostalgie.

Markus Thiel

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