Cello-Wunder

- Eigentlich darf sich ein Cellist ja nicht über Mangel an Literatur beklagen. Dennoch mögen Neugier und die unbändige Lust am Spielen ihn gelegentlich über die Grenzen des eigenen Instruments hinaus locken. Mischa Maisky konnte der Versuchung offenbar nicht widerstehen, wilderte in den Grenzbereichen und präsentierte die Beute am Dienstagabend einem staunenden Publikum im Großen Salzburger Festspielhaus. Zunächst begann er da, wo das Cello als legitimer Nachfolger quasi einspringen muss: Bei der eigentlich für Gambe geschriebenen Sonate g-moll BWV 1029 von Johann Sebastian Bach und bei Schubert, der dem nur kurze Zeit modischen Arpeggione, einem Zwitter aus Cello und Gitarre, eine a-moll-Sonate auf den Leib geschneidert hat.

<P>Bei Bach beeindruckte, wie selbstverständlich und fern aller Schwerfälligkeit Maisky und die junge Karin Lechner als echte Partnerin am Klavier Licht ins polyphone Dickicht brachten - in den energisch vorwärts drängenden Ecksätzen, aber auch in der Ruhe des Adagio. Mit virtuoser Grifftechnik verblüffte Maisky zunächst bei Schubert. Doch es ging ihm nicht darum zu demonstrieren, dass er auch auf vier Saiten arpeggieren kann (das Arpeggione hatte sechs wie die Gitarre und 24 Bünde), sondern vielmehr spürte er dem Charakter der Sätze mit aller Intensität nach. Dass dabei auch schon mal ein Ton verrutschte, kümmerte niemanden. Im Adagio stimmte das Cello einen Gesang so voll Traurigkeit und Schönheit an, vom Klavier mit feinen harmonischen Rückungen dezent unterlegt, der der "Winterreise" nahe stand.</P><P>Auch im zweiten Teil seines Solistenabends griff Maisky zu Bearbeitungen: Zu Strawinskys dem "Pulcinella"-Ballett entsprungener Suite italienne - vom Meister selbst in Zusammenarbeit mit dem großen russischen Cellisten Gregor Piatigorsky fürs Cello eingerichtet. Eine Herausforderung, die das Cello (in der Motorik des Finales) an den Rand seiner Leistungsfähigkeit treibt. Maisky genoss die Charakterisierungsvielfalt und erteilte hernach mit Manuel de Fallas Canciones populares, als Suite für Cello und Klavier arrangiert, eine Lehrstunde über die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments und den Spieler als Verwandlungskünstler. </P><P>In Bartóks ursprünglich für Klavier konzipierten Rumänischen Volkstänzen, deren Violin-Bearbeitung Maisky seinem Arrangement zugrunde legte, spielte er - von Karin Lechner adäquat unterstützt - noch einmal alle Trümpfe aus: Sein Cello sang wunderbar weich, spielte zum wilden Tanz auf oder klang wie eine fahle Dorffidel. Der Jubel des Publikums wurde mit drei Zugaben belohnt - darunter einem Schubertlied, das spontan den Wunsch weckte nach einem Schubert-Cello-Liederabend. Vielleicht im nächsten Jahr?</P>

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