Unwetterwarnung für München und das Umland 

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„München ist fast zu gut gesättigt mit Musik“: Christine Schornsheim leitet an der Musikhochschule das Institut für historische Aufführungspraxis – und spielt an diesem Freitag im Prinzregententheater.

Interview zum Konzert

"Cembalo fand ich schrecklich"

München - Christine Schornsheim spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über die Angst vor Bach, Instrumente im Eigenbau und die fehlende Münchner Barock-Tradition.

Werke von Bach & Co. historisch „korrekt“ gespielt, bei diesem Thema kann sich die Münchner Musikhochschule seit dem Jahr 2002 auf eine international renommierte Musikerin verlassen: auf die Cembalistin und Hammerklavier-Expertin Christine Schornsheim. Ihr Wissen gibt sie weiter als Professorin und Leiterin des Instituts für historische Aufführungspraxis. Am kommenden Freitag ist die Echo-Klassik-Preisträgerin als Solistin im Prinzregententheater zu erleben. Mit der Akademie für Alte Musik spielt sie unter dem Motto „Berlin um 1800“ Werke von Johann Gottlieb Naumann und Prinz Louis Ferdinand von Preußen.

In der Barockstadt München gibt es keine Tradition für historische Aufführungspraxis. Fühlen Sie sich in der Diaspora?

München ist eben fast zu gut gesättigt mit Musik, das meine ich nicht negativ. Es ist schon toll, wenn man ein solches Opernhaus, das BR-Symphonieorchester oder die Philharmoniker hat. Daran hat sich die Hörergemeinde ausgerichtet. Es ist hochinteressant, dass in Deutschland die Zentren für historische Aufführungspraxis nicht unbedingt in den großen Städten liegen. Sondern in Freiburg, in Bremen – oder in Trossingen, eine Art Paradies für Alte Musik.

Liegt das daran, dass in großen Städten die Dinosaurier der Aufführungspraxis aktiv sind? Man nehme in München nur Chorgemeinschaft Neubeuern oder Bach-Chor...

Auch das ist ein Grund. Tradition hat prinzipiell etwas Gutes, bleibt aber vielleicht zu lange in den Köpfen hängen. Eine Matthäus-Passion fast solistisch besetzt, das ist andernorts fast normal, hier absolutes Neuland. Ein Problem ist auch: Man braucht die richtigen Spielorte. Barockorchester mit ihren zarten Instrumenten in großen Sälen, das passt nicht unbedingt.

Insgesamt betrachtet haben Sie und die „Historiker“ aber doch die Oberhand gewonnen. Kaum ein großes Orchester traut sich mehr an Bach.

Es gibt einen Respekt der Dirigenten-Stars etwa vor Bach. Das finde ich gar nicht mal so schlecht. Aber „Oberhand“, das klingt mir zu sehr nach Kampf. Viele große Orchester lassen sich mittlerweile von Experten für Barock trainieren. Es verändert sich also viel.

Sie kamen vor elf Jahren von der Leipziger Hochschule nach München. Wie unterscheiden sich diese Musik-Biotope?

Leipzig ist auch eher konservativ, einfach durch den Thomanerchor. Aber auch dort bewegt sich etwas. Leipzig definiert sich in erster Linie durch Bach, und das spürt man ständig. Dass an der Hochschule historische Aufführungspraxis aktuell wurde, war erst ein Geschenk der Wende.

Ist man anfangs als Dissidentin verschrien?

Das kommt bis heute vor. Ich spüre da aber auch viel Angst. Um etwas, das den Musikern angeblich weggenommen werden könnte. „Jetzt sagen die uns auch noch, wie wir Mozart zu spielen haben“ – so etwas in der Art. Statt es als Bereicherung zu empfinden. Historische Aufführungspraxis bedeutet für mich große Vielfalt, das Untersuchen einer immensen Variationsbreite von Ausdrucksmitteln. Und das ist doch hochspannend.

Wie sind Sie denn dazu gekommen? Hatten Sie den Steinway schon immer verabscheut und sich sofort ins Cembalo verliebt?

Nein. Ich bin Kantorentochter, habe ganz normal Klavier gespielt und während meines Studiums in Ostberlin die Nase gerümpft über die alten Dinger. Cembalo fand ich schrecklich. Ich fragte mich immer: Warum schreibt Bach für ein so komisches Instrument so tolle Musik? Mein Interesse für Alte Musik kam übers Continuo-Spielen in den Passionen und Oratorien. Ich dachte mir: Das muss doch mehr sein, als nur doofe Akkorde zu drücken. Kann man da improvisieren? Kann man das nicht interessanter gestalten?

Gab es historische Instrumente in der DDR?

Ganz wenige. Anfang der 80er-Jahre gab es einige Nachbauten. Weil ich zu den wenigen gehörte, die diese Instrumente überhaupt gespielt hatten, durfte ich mit Kammerorchestern ins Ausland. Ab 1985 weitete sich für mich der Horizont daher gewaltig. Am modernen Instrument blieben für mich immer fünf Prozent Unzufriedenheit übrig. Ich dachte mir die Musik eigentlich anders, als ich sie hören konnte. Die historische Spielpraxis war für mich wie ein Nach-Hause-Kommen.

Wie viele Instrumente besitzen Sie denn?

Zwei Hammerflügel und zwei Cembali. Bei Konzerten und Aufnahmen benutze ich jetzt Instrumente, die eine feinere Gestaltung ermöglichen. Früher habe ich mit zu viel Klavierkraft gespielt. Der Eigenklang des alten Instruments wird dadurch abgetötet. Das lernt man erst mit den Jahren.

Weil es keine Ausbildungswege gab...

Genau. Es hatte so etwas Selbstgebasteltes. Die Geiger fragten sich: Welche Saiten nehme ich? Welches Material steht mir überhaupt zur Verfügung? Wir haben wochenlang für ein Konzert geprobt, das dann irgendwo in einer Kirche stattfand. Es gab einen Cembalo-Bauer in Ostberlin, der hat die Instrumente quasi auf dem eigenen Küchentisch zusammengebaut.

Aber dadurch entsteht doch eine andere Haltung zur Musik.

Ja, das ist der Vorteil. Wenn alles zur Verfügung steht, wird man unter Umständen faul und verliert den Forscherdrang. Wir sind in die Bibliothek und haben mangels Kopierer Noten abgeschrieben. Von der Zeit-Effizienz eine Katastrophe, aber man lernt die Musik anders kennen.

Also sind Sie im Grunde froh, dass Sie so begonnen haben.

Eigentlich ja. Historische Fingersätze, das musste ich mir alles erarbeiten – ohne Anleitung. Ich hätte einige theoretische Grundlagen gebraucht. Für mich ging die Musik erst bei Bach los. Ein sonderbares Weltbild. Das hätte mir schon jemand nehmen können.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Konzert

am kommenden Freitag im Prinzregententheater;

Telefon 089/ 38 38 46 20.

Am 27. und 28.4. führt das Institut für historische Aufführungspraxis in der Musikhochschule Bachs h-Moll-Messe auf;

Telefon 089/ 54 81 81 81.

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