Champagner statt Tee

- "Seit mindestens 20 Jahren", so seine eigene Rechnung, laden ihn die Wiener Philharmoniker immer wieder ein. Doch der eigentliche Ritterschlag ereignet sich am 1. Januar 2006, wenn Mariss Jansons erstmals das Neujahrskonzert im Goldenen Saal des Musikvereins dirigiert. Der gebürtige Lette, seit 2003 Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, wird in der Donaustadt heftig geliebt und verehrt. Ein Engagement fürs wohl berühmteste Konzert weltweit war also nur eine Frage der Zeit.

Wer entscheidet, was beim Neujahrskonzert gespielt wird? Wie frei sind Sie da als Dirigent?

Jansons: Die Wiener Philharmoniker hatten natürlich Vorschläge, auch ich habe mir Gedanken gemacht, die endgültige Entscheidung lag aber bei mir. Ich habe mir in drei Monaten über 800 Werke der Strauß-Dynastie angehört, das war eine große Arbeit. Es ist eben schwierig: Das Publikum erwartet Altbekanntes, wir Musiker wollen aber auch anderes bieten.

Sind demnach nur Werke der Strauß-Familie zu hören?

Jansons: Oh nein. Wir spielen auch Josef Lanner - und Mozarts "Figaro"-Ouvertüre. Das Konzert startet ja kurz nach 11 Uhr. Also dürfte niemand früher als ich das Mozart-Jahr mit dem passenden Stück beginnen. Denn die Ouvertüre ist gegen 12 Uhr dran (lacht).

Welchen Stellenwert hat für Sie dieses Konzert?

Jansons: Es ist einfach eine große Ehre, dass ich das dirigieren darf. Ich glaube, es ist das einzige Konzert, mit dem man gut 50 Länder erreicht. Und wenn man bedenkt, wie das Interesse an klassischer Musik zurückgeht, ist das auch eine gewaltige Chance. O.k., es ist Strauß, nicht Beethoven oder Brahms. Aber man darf die Walzer und Polkas nicht als oberflächliche Gartenmusik missverstehen. Einen guten Johann Strauß zu machen, ist schwierig. Es geht nur mit Geschmack, Stilgefühl und mit dem richtigen Tempo.

Und werden Sie während des Konzerts die 50 Länder ständig im Hinterkopf haben? Oder denken Sie "nur" ans Publikum im Musikvereinssaal?

Jansons: Ich denke nicht an die Zuschauer, ich denke nicht an das Fernsehen, ich denke nur an die Musik - ob sie nun in einem Land oder in 50 Ländern gehört wird. Natürlich gibt es vor einem solchen Ereignis einen emotionalen, psychologischen Druck. Aber ich habe mir vorgenommen, wie in einem normalen Konzert zu dirigieren und mich nicht dauernd zu fragen: Wo ist die Kamera?

Welche Chance haben Sie überhaupt bei einem Orchester, das diese Musik im Schlaf spielen kann?

Jansons: Natürlich haben die Philharmoniker den Donauwalzer schon tausendmal musiziert. Aber wenn ich mit einer interessanten Interpretation komme, wenn ich etwas Fantasievolles habe: Warum sollten sie nicht folgen? Der Dirigent ist da nicht so unwichtig. Entscheidend ist, welchen Klang er formt, welches Rubato er will, welches Tempo er anschlägt. Mit einem falschen Tempo können sie eine zweiminütige Polka total zerstören.

Manche betrachten die Walzer, Polkas und Operetten auch als geschichtliches Phänomen: Eine Gesellschaft feiert sich noch einmal, obwohl gleich die große Zeitenwende hereinbricht.

Jansons: Das spielt sicher eine Rolle. Aber ich nehme die Sache nicht so historisch. Wer tanzt heute noch Walzer, Tango oder Foxtrott? Als ich jung war, da waren solche Tänze meine Leidenschaft. Es war ein wunderbares Gefühl. Ich genieße diese Stilformen, sie erinnern mich an meine Jugend.

Johann Strauß hatte seinerzeit nicht die Philharmoniker, sondern ein kleineres Ensemble. Sind die Instrumentationen im Neujahrskonzert nicht zu aufgeblasen?

Jansons: In der Strauß-Zeit wurden seine Stücke von unheimlich vielen Ensembles in verschiedenen Arrangements gespielt. Prinzipiell hat er für Orchester geschrieben, aber eine "richtige" Version gibt es nicht. Nach meinem Geschmack ist die symphonische Orchestrierung viel reicher als die für ein kleineres Ensemble. Außerdem wurde Strauß von seiner Kapelle immer gefragt: Tanz oder Konzert? Und danach wurde über die Interpretation entschieden. Schließlich kann man im Konzertfall viel freier musizieren. Walzer tanzen mit dauernden Verzögerungen, das funktioniert ja nicht.

Wie sah Ihr erster Kontakt mit dieser Musik aus?

Jansons: Ich bin aufgewachsen in St. Petersburg, wo es eine starke Strauß-Tradition gibt. Mein Vater hat viele Silvesterkonzerte mit diesen Werken dirigiert. Nach seinem Tod habe ich mich dann selbst mit Strauß befasst, dies später auch in Oslo und Pittsburgh. Obwohl manche Leute meinten: Das ist doch uninteressante Musik. Aber man kann doch nicht das ganze Jahr über total nachdenkliche, problembehaftete Stücke dirigieren. Einmal muss Champagner sein, nicht immer nur Wasser oder Tee.

Wie feiert ein Dirigent des Neujahrskonzerts eigentlich Silvester?

Jansons: Wir spielen das Programm schon am 30. und 31. Dezember. An Silvester werde ich um Mitternacht ein halbes Glas Champagner trinken, dann gehe ich schlafen. Ein großes Fest gibt es nicht, weil alle Gedanken beim Konzert sind.

Und werden Sie auch einmal Strauß in München dirigieren?

Jansons: Das ist ja mein Traum. Ich möchte in München einen Ball organisieren, die Initiative soll von unserem Symphonieorchester ausgehen. Und da will ich gern Walzer dirigieren.

Das Gespräch führte Markus Thiel

ZDF und Bayern 4 übertragen das Konzert am 1. Januar ab 11.15 Uhr.

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