Die Champions League muss warten

- "Früher haben wir Fußball gespielt, und wer krank war, ist zum Arzt gegangen. Heute geht der Doktor mit zum Spiel, und alle sind krank." Das auf Fränkisch vom alternden Mittelfeldstar Manni Deus. Da weiß man Bescheid: In dieser Aufführung wird eine Rakete nach der anderen abgeschossen. Denn gemeint ist der FC Bayern und sein Doc und überhaupt der ganze Schickimickischmarrn vom Isarstrand.

<P>Georg Ringsgwandl, zuletzt mit seinem Punk-Musical "Ludwig II." in der Bundesliga von Rock, Pop und Theater ganz oben, hat jetzt erneut zur Meisterschaft gebeten: zur Uraufführung des "Prominentenballs" im Münchner Residenztheater. Spielausgang: unentschieden. Denn wenn Trainer, Schiedsrichter, Mittelstürmer und Torwart ein und dieselbe Person sind - wie es eben bei Georg Ringsgwandl der Fall ist, werden doch zu viele Pointen ins Aus gedroschen.<BR><BR>Trost für das amüsierbereite Publikum: Noch ist nichts verloren. Es gibt Verlängerung - die laufende Saison und ganz gewiss die nächste und übernächste. Auf weite Sicht geben wir der Ringsgwandl-Mannschaft eine Chance für die Champions League. Denn jeder einzelne ist hier eine Spieler-Persönlichkeit. Und der Präsident vom FC Resi ein Ballsolist auf Erfolgskurs.<BR><BR>Zwei Dinge schienen beim Auftakt-Match zu fehlen: Ordnung und Anarchie. Genau in dieser Mischung aus straffer Organisation der Szene, coolem Profitum und kalkuliert-unkalkulierter Wildheit sowie dem Furor des freien Radikalen, des besessenen Amateurs lag bislang der unwiderstehliche Charme von Ringsgwandls musikalisch-theatralischen Sektionen. Im "Prominentenball" nun schlägt der Rock- und Poppoet, der das Stethoskop seines einstigen Oberarzt-Daseins mit dem Stakkato seines musischen Ichs endgültig getauscht hat, einen anderen Rhythmus an, als wir ihn bislang von ihm gewohnt waren. Seine Musik, gespielt von vier auf der Hinterbühne platzierten Solisten, plätschert zwar leicht angeschrägt, aber doch allzu gefällig dahin. Uncharakteristisch. Zu viel Kunstabsicht.<BR><BR>Ganz anders Ringsgwandl als Darsteller. Wenn er als Promiarzt und Doc der Bayern- und Nationalmannschaft mit expressionistisch wildem Blick durch die Behandlungskabinen seiner Praxis fegt, wenn er eine Cortison- oder Anti-Aging-Spritze nach der anderen seinen illustren Patienten in Hintern und Knie jagt, wenn er die schwarze Mayer-Waldorf-Mähne divenhaft aus dem Gesicht wirft oder seine langen, schlaksigen Beine graziös wie ein Ballerino kreuzt und zu all dem schamlos ins Publikum hineinkokettiert, dann blitzt für Momente etwas vom Chaos seiner Seele auf, dann wird's interessant. Und ein paar Abseitsfallen weniger wird die Aufführung aufzuweisen haben, sollte Ringsgwandl eines Tages auch noch seinen Text beherrschen.<BR><BR>"Bitte eine Ampulle Diphenylhydraminhexavirginylmalefitzbenzedrinifizierte Löwenzahnsulfonalulilat."<BR>Bayern-Doc Bernhard Mayer-Waldorf</P><P>Denn was hier auf klamottig-kabarettistische Weise verhandelt wird, hat schon gewaltigen Unterhaltungs-, da Wiedererkennungswert: die Reichen und Schönen der Münchner Stadt, die ihre liebe Not haben mit dem Erhalt ihrer Prominenz und mit jenen Unsummen Geldes, die sie am Fiskus vorbei kassiert haben. Wie sauer ihnen ihr süßes Leben aufstößt, das spielen wunderbar komisch Jörg Hube mit seiner ulkigen, fast schon tragikomischen Fußballer-Persiflage Manni Deus und, wahnsinnswitzig, Robert Joseph Bartl als der Feinkostkettenkönigssohn Michael Dachs von der Prinzregentenstraße.<BR><BR>Die Ballkönigin dieses Abends aber ist sie, ist der Film- und Fernsehstar Uschi Stahl, gespielt von Christoph Marti. Jeden Ball, der ihm von Ringsgwandl zugespielt wird, verwandelt er in einen geglückten Torschuss. Mit einem Blick nur fängt er die Zuschauer auf den Tribünen ein, und nach seinem ersten Song liegen sie ihm bereits zu Füßen.<BR><BR>Unglaublich komisch und nicht ohne Bosheit der Text, den Ringsgwandl dieser Rolle gegeben hat. Und nur zu gern lässt das Publikum seine Schadenfreude laut lachend herausplatzen. Wenn die teure Uschi in den hinreißenden Kostümen von Ann Poppel ihre Ehe abhandelt - "30 Jahre haben wir uns nicht verstanden, und nie hat es ihm was ausgemacht" -, dann ist das ein Knaller. Oder wenn sie über die Plage des Liftings spricht, bei dem ihr die Abnäher am Hals zu straff gezurrt wurden: "Für das, was mich diese Operiererei gekostet hat, hätte ich eine Doppelhaushälfte in Zorneding bekommen."<BR><BR>Aber diese Bühnen-Uschi wird bei Christoph Marti - und darin liegt die Größe seiner Darstellung - nie ans böse Gelächter verraten. Bei aller Satire lässt er dieser Figur dennoch so etwas wie Würde. Die Sucht, der Zwang, ganz oben zu bleiben, der Neid auf die Taxi fahrende Zenta Burger und die anderen Sechziger-Diven - "Wenn du als Schauspielerin in meinem Alter keine Kommissarin spielst, dann bist du tot" - lässt diese Sorte Prominenz so komisch wie tragisch zugleich erscheinen.<BR><BR>Ja, Christoph Marti ist der Star dieser Show. Da haben es die so genannten normalen Figuren nicht leicht, sich zu behaupten. Dennoch machen sie aus ihren mageren Mittelfeldspielern das Beste: Eva Gosciejewicz und Marcus Calvin als Gaunerpärchen, musikalisch allerdings von Ringsgwandl vernachlässigt, und die spät in die Produktion eingestiegene Irm Hermann als Geschäfts- und Ehefrau, im Singen leider überfordert.<BR><BR>Als wundersamer Außenseiter am Spielfeldrand: der leise Helmut Pick als Obdachloser von feiner Größe. "Es kommt der Tag, da fährst du wieder U-Bahn", schreibt er all den Promis auf und vor der Bühne ins Stammbuch. Ehrlich gesagt, auch bei Georg Ringsgwandl warten wir wieder auf bessere Tage.<BR><BR></P>

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