Aus dem Chaos taucht die süße Stimme auf

- Ein unglaublich aggressives, orchestrales Chaos überfällt den Hörer, streift die Schmerzgrenze, begräbt jeden Ton des "unerhört" vor sich hinarbeitenden Cellisten. So kann es nicht weitergehen, und man ahnt, gleich muss sich das Cello aus dem schrillen Klanggetöse lösen. Doch wie, das ist die Überraschung. Es taucht mit einer sanften, sehr emotionalen Kantilene auf, singt sich süß ins Ohr, als wär's eine Stimme von vorgestern. Georg Friedrich Haas ist mit seinem Konzert für Violoncello und Orchester ein großer Wurf gelungen. Das Auftragswerk wurde im musica-viva-Konzert des Bayerischen Rundfunks im Münchner Herkulessaal uraufgeführt.

<P>Clemens Hagen am Stradivari-Cello</P><P>Der 51-jährige Grazer mit seiner Vorliebe für Obertonklänge und mikrotonale Auffächerung trägt die Kompliziertheit nicht als Gütesiegel vor sich her, sondern versteckt sie hinter einer Süffigkeit und Vielgestaltigkeit, die den Zuhörer mitreißt. Die ihn im ersten Teil in einen endlosen Abwärtssog des Orchesters hineinzieht - wohin? Im zweiten Abschnitt scheint das Cello zu klagen, werden diese Töne von den Bläsern seltsam vergrößert, entstehen schließlich faszinierende Klangflächen. Ein undifferenziertes, orchestrales Schwellen und ein mühsamer Kampf des Cellos prägen den Schlussabschnitt.<BR><BR>Clemens Hagen kreierte diesen Cellopart an seinem klangschönen Stradivari-Instrument mit Hingabe, "bedrängt" von den Tutti der BR-Symphoniker unter dem jungen litauischen Komponisten und Dirigenten Vykintas Baltakas. Das zweite Haas-Opus, "Nature morte" von 2003, schien zuweilen auf der Stelle zu treten, wobei einzelne Gruppen des reich besetzten Orchesters in dynamischen Wellen aufwallten und wieder verebbten. Ein endlos scheinendes Vexierspiel zwischen Statik und Bewegung. Ein ebenfalls fesselndes Stück, das darunter litt, Schlussstein eines zu langen Abends zu sein. <BR><BR>Schließlich hatten die BR-Symphoniker zuvor schon Franco Donatonis buntscheckiges Orchesterwerk "Prom" vital realisiert und die sensiblen, sich immer wieder verlierenden Klangspuren von Luigi Nonos "No hay caminos, hay que caminar Andreij Tarkovskij" in den Raum gesetzt. Letzteres als schwieriges Unterfangen auch für den jungen Dirigenten, müssen doch sieben im Saal verteilte Gruppen ein filigranes Klangnetz spinnen, in dem weder totale Stille noch brutale Schläge die Spannung zerreißen dürfen. Das Publikum folgte Nonos Reaktionen auf das Dichterwort "Wanderer, es gibt keine Wege, es gibt nur das Gehen" gebannt.<BR></P>

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