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Charles Aznavour – ein Ausnahmekünstler

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Ein Ausnahmekünstler: Charles Aznavour. © Koen Van Weel/Epa/dpa

Mit Charles Aznavour ist einer der letzten großen Chansonniers gestorben. Der Ausnahmekünstler wurde 94 Jahre alt. Lesen Sie hier unseren Nachruf:

Der Tod, der konnte ihn gernhaben. Auch mit 94 gab Charles Aznavour regelmäßig Konzerte, in zwei Wochen sollte wieder eine kleine Tournee beginnen. Und wer den Fehler beging, das als Abschiedsvorstellung zu bezeichnen, der konnte erleben, wie der 1,60 Meter kleine Aznavour richtig sauer wurde. „Leb’ jetzt, wer weiß schon, was morgen wird“, hat er gerne gesagt und sich selbst ziemlich exzessiv daran gehalten. Nun ist Aznavour, 1924 als Schahnur Waghinak Asnawurjan in Paris zur Welt gekommen, doch gestorben, sehr ungern mutmaßlich.

Charles Aznavour ist Sohn armenischer Flüchtlinge

Nichts sprach dafür, dass der Sohn armenischer Flüchtlinge zu einer französischen Chanson-Ikone und einem Weltstar werden würde, der mehr als 1000 Titel veröffentlichte, die meisten davon selbst geschrieben. Entertainer wollte er immer werden und jobbte parallel zur Schule als Zeitungsjunge, um sich Gesangsstunden leisten zu können – die Eltern waren arm. Zäh und gegen viele Anfeindungen etablierte er sich nach dem Krieg mit Pierre Roche als Varieté-Duo und lief dann Edith Piaf über den Weg, der er einen Hit auf den Leib schrieb. Sie wurde seine Mentorin, aber nie seine Liebhaberin – obwohl sie zusammenlebten. So erzählte es jedenfalls Aznavour, der weiblichen Reizen gegenüber sonst durchaus zugänglich war.

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Charles Aznavour mit Udo Jürgens. © dpa

Piaf ermutigte ihn, lobte sein Talent und riet ihm dazu, solo aufzutreten. Die ersten Kritiken waren vernichtend, Aznavour konnte sie noch Jahrzehnte später wörtlich wiederholen. „Er ist hässlich, kann nicht singen und hat schlechte Songs“, schrieb beispielsweise einer; es war keineswegs die unfreundlichste Rezension. Aznavour selbst konterte mit galligem Humor. „Meine einzigen Schwächen sind mein Aussehen, meine Stimme, meine kleine Statur, meine fehlende Bildung und die Abwesenheit von Persönlichkeit“, sagte er 1950. Er machte verbissen weiter – und setzte sich durch. Er sah anders aus als die anderen Chansonniers, er klang anders, nicht so gefällig, und er sang über reichlich sperrige Dinge, nicht immer nur Liebeslieder. Es ging in seinen Texten um Außenseiter, um missbrauchte Frauen, Homosexuelle, um all jene, die nicht recht dazugehörten. Und er hatte Erfolg, die Platten verkauften sich millionenfach, auch in Deutschland. Aznavour spielte in den USA vor ausverkauften Häusern, wurde früh von Israelis entdeckt und in der Heimat seiner Eltern zu einer Art Sagengestalt. In der armenischen Hauptstadt Eriwan ist ein Platz nach ihm benannt.

In der „Blechtrommel“ spielte er einen Spielzeugverkäufer

Nebenbei wurde er gegen jede Vorhersage Filmstar. Schon als Jugendlicher hatte er es vor die Kamera geschafft mit diesem kantigen Gesicht, in dem tiefschwarze melancholische Augen loderten. Jeder, der die Romanverfilmung „Die Blechtrommel“ (1979) gesehen hat, wird den sanften Spielzeugverkäufer Sigismund Markus nicht vergessen, den Aznavour so fein und zurückgenommen gespielt hat. Triebfeder und große Liebe war jedoch die Musik, die Aznavour sehr ernst nahm. Er, der ganz gerne mal ein Glas trank (natürlich französischen Rotwein), war auf Tour immer rigoros und erlaubte sich keinen Tropfen. Wie er es dennoch geschafft hat, mit Frank Sinatra und Liza Minnelli gemeinsam aufzutreten, bleibt sein Geheimnis, ebenso sein Gespür für interessante neue Talente.

Seine größte Leidenschaft neben der Musik und den Frauen war die Politik. Aznavour war streitbar, forderte immer wieder ein weltoffenes Europa und den Dialog. Die Türkei solle den Völkermord an den Armeniern eingestehen – und die Armenier nach vorne blicken. Nur so komme man weiter, war er überzeugt. Die Idee, Menschen nach Aussehen oder Religion zu sortieren, fand er immer absurd. Der Mann, der je einen Juden und einen Araber als Schwiegersohn hatte, wollte nie einsehen, dass Herkunft ein Schicksal sein soll. So wie er nie akzeptieren wollte, dass ein dunkler Immigrant nicht einer der größten Stars Frankreichs werden kann. Aznavour wurde es, weil er es wollte. Ein kleiner Mann mit einem großen Leben ist gegangen.

Zoran Gojic

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