Charlotte Roche: Bekenntnisse und Verklemmungen

München - Die weibliche Variante von Mario Barth: Schriftstellerin Charlotte Roche hat im Münchner Lustspielhaus aus ihren "Schoßgebeten" gelesen. Eine Kritik:

Spätestens seit ihrem zweiten Buch „Schoßgebete“ wissen wir, was Charlotte Roche nur bedingt kann: schreiben. Doch nun die gute Nachricht. Denn der liebe Gott hat die ehemalige Viva-Moderatorin mit einem anderen Talent gesegnet: mit dem der Comedy. Gut möglich, dass sie selbst darum weiß. Warum sonst sollte sie bei ihrer Lesung im Münchner Lustspielhaus so wild gestikulierend mit Selbstbekenntnissen („Ich bin eine schlechte Autorin“) und tiefsinnigen Anekdoten über den männlichen „Machtschwanz“ um sich geworfen haben?

Was das Publikum erlebte, war eine weibliche Variante von Mario Barth. Warum auch nicht? Bei den Gästen im brechend vollen Saal kam diese Art der Performance-Lesung an. Und immerhin: Es war die Rettung des Abends, der sich andernfalls nur auf Roches „literarische“ Arbeit hätte stützen können. Die trug sie natürlich auch vor. In epischer Breite. Losgelegt wurde mit Szene eins ihres Romans. Gute 30 Minuten lang erfuhr das Publikum, wie Hauptfigur Elisabeth an ihres Mannes „Leiste, oder wie das heißt“ herumkaut, warum sie ihn lieber mit der linken als mit der rechten Hand befriedigt und welche Rolle Spucke dabei spielen kann. Die Variation des Themas folgte im zweiten Aussschnitt: Elisabeth mit ihrem Mann im Bordell. Nochmal 20 Minuten. Bei einer Lesung wird gelesen, „bis das Blut aus den Ohren kommt“, hatte Roche angekündigt. Aufgabe erfüllt.

Nicht, dass dies alles schockiert hätte. Im Gegenteil: Gekicher im Publikum und bei Roche selbst. (Sexuelle) Befreiung klingt anders. Was da zu hören war, ließ eher an Verklemmtheit denken. Kein Zweifel, Roches Ekel-Offensive geht nach hinten los. Und sie verfälscht den eigentlichen Gehalt des Buches.

Waren da nicht andere Stellen, die man hätte hören wollen? Von Unglück und Depression. Vom gewissenlosen Verhalten bunter Medien. Das Publikum wunderte sich auch, fragte im Anschluss an die Lesung. „Ich hatte keine Lust, euch weinen zu sehen“, entgegnete die Autorin. Dann lieber Oberfläche. An einer Stelle von „Schoßgebete“ heißt es von Elisabeth: „Bin nur mein Körper und nicht mein anstrengender Geist.“ Ein Kommentar zum Abend im Lustspielhaus?

Marcus Mäckler

Rubriklistenbild: © dpa

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