„Schoßgebete“ heißt der neue Roman von Charlotte Roche. Die 33-Jährige ist eine außergewöhnliche TV-Moderatorin – ihr schreiberisches Talent ist dagegen überschaubar. fkn

Charlotte Roches Überforderung

München - Kein anderes Buch wurde in diesem Jahr mit soviel Spannung erwartet wie der neue Roman "Schoßgebete" von Charlotte Roche. Ihr Verlag verspricht, Roche würde sich hier „unserem letzten Tabu: dem ehelichen Sex“ widmen. Wirklich?

Weil es schnell geht, die gute Nachricht zuerst: Charlotte Roche hat für ihren neuen Roman „Schoßgebete“ die Gynäkologen- und Proktologen-Perspektive ihres Debüts „Feuchtgebiete“ weitgehend verlassen. Das, immerhin, ist ein Anfang. Doch dieser Aufbruch, und das ist nur die erste schlechte Nachricht, führte die 33-Jährige auf die Therapie-Couch. Ja, über weite Strecken lesen sich ihre „Schoßgebete“, als habe sich Roche einfach mal so richtig - pardon - auskotzen müssen. Ihre Trauer über den Autounfall rauslassen, bei dem ihre Mutter und ihre Brüder auf dem Weg zu ihrer Hochzeit verunglückten. Ihrer Wut auf die „Bild“-Zeitung und den Mechanismen des Boulevard-Journalismus ein Ventil geben. Ihre Abneigung gegen den Glauben und die Christen notieren. Schreiben als (Selbst-)Therapie - dagegen ist nichts einzuwenden. Für einen knapp 300-seitigen Roman aber ist es zu wenig. Viel zu wenig.

Denn Roche gelingt es an keiner Stelle, „Schoßgebete“ auf eine literarische Ebene zu heben. Drei Tage begleitet sie ihre Hauptfigur Elizabeth Kiehl in deren Leben: zwischen Patchwork-Familie und Psychotherapie, zwischen dem gemeinsamen Bordell-Besuch mit ihrem Mann und den Erinnerungen an den Unfall, den ihre Mutter und Geschwister auf dem Weg zu Elizabeths Hochzeit hatten. Wie in „Feuchtgebiete“ ist Roches Stil schnoddrig-umgangssprachlich und detailverliebt. Dennoch sind ihre Figuren überraschend leblos, alles wirkt konstruiert und ist viel zu platt. Beispiel: Elizabeth mag keine Christen, glaubt auch nicht an Gott. Eine Ersatzreligion hat sie in Umweltschutz und Vegetarismus gefunden. Roche wird nicht müde, diese Charaktereigenschaft ihrer Figur immer wieder in diversen Variationen zu betonen - im Gegensatz zum Leser, den diese Wiederholungen ebenso ermüden wie langweilen.

Dabei ist diese Figurenkonzeption durch und durch Abbild unserer Gesellschaft. Daraus hätte sich also eine wirklich spannende, erzählenswerte Geschichte entwickeln lassen. Leider fehlt Roche das schreiberische Talent, mehr aus ihrer Heldin zu machen als einen Thesen-Lautsprecher. Kiehl bleibt Abziehbild, konstruiert am Schreibtisch, ohne Entwicklung, ohne Tiefe. Das überrascht, schließlich liegt der Leser quasi mit der Figur auf der Therapie-Couch, wird Zeuge ihres Sexuallebens bis in die Zungenspitze. Doch wie sich ihre Heldin Kiehl mit dem anstehenden Puff-Besuch überfordert, so hat sich auch die Autorin Roche mit der Vielzahl der Themen überfordert, die sie in „Schoßgebete“ anschneidet: Erziehung, Sex in der Ehe, Beziehung zu den Eltern, Atheismus, Umweltschutz, Platzangst, Verlust geliebter Menschen - ach ja, am Ende geht’s auch noch kurz um Magersucht: Selbst für einen guten Autor wäre es schwierig, all das in einem Buch unterzubringen.

Dass sich der Roman über weite Strecken schleppend liest, liegt aber auch daran, dass Roche sich mit Begeisterung auf die detaillierte Schilderung von Nebensächlichlem stürzt: Es gibt aber keinen Erkenntnisgewinn und führt zu keinem besseren Verständnis einer Figur, wenn wir Handgriff für Handgriff erfahren, wie sich diese nach dem Toilettenbesuch reinigt. Erwähnt sei, dass dieser Hinweis nicht auf die Vermeidung von Ekel bei der Lektüre zielt, sondern auf die Vermeidung von Langeweile. Wobei das nachlässige Lektorat Roche sicher keine Hilfe war: Da wird etwa innerhalb weniger Absätze zweimal erwähnt, dass die Therapeutin Pullover in Pastellfarben mag. Und?

Die Knöpfe der Werbe- und Aufmerksamkeits-Industrie bedient Roche jedoch so virtuos wie offensichtlich. Das beginnt bei der Gestaltung des Roman-Titels, auf dem zwei (Oh!) Eicheln (Ooohhh!!!) prangen. Später freilich wird klar, dass dieses Bild auf Kiehls Halsketten-Anhänger anspielt. Das Spiel mit den Erwartungen setzt sich auf den ersten Seiten von „Schoßgebete“ mit einer Sex-Szene fort (um all jene Neugierigen zu erreichen, die im Laden mal rasch reinlesen?). Jedoch: Charlotte Roche mangelt es auch an der Fähigkeit, (soft-)pornografisch zu schreiben. Die Fellatio-Szene hat sehr viel weniger mit erotischer Literatur zu tun als vielmehr mit einer Art Ikea-Montage-Plan fürs Körperliche, quasi die Billy-Bauanleitung fürs Blasen. Doch wer liest schon gerne Bauanleitungen?

Von Michael Schleicher

Charlotte Roche: „Schoßgebete“. Piper Verlag, 288 Seiten; 16,99 Euro.

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