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Charlotte Schwab spielt in „Die Troerinnen“ Hekuba, die alte Königin Trojas, die alles verloren hat.

Interview zur Premiere am Residenztheater

Charlotte Schwab über die Größe der Verliererinnen

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München - Charlotte Schwab spielte Hauptrollen etwa in der ZDF-Krimireihe „Das Duo“ und in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“. Für „Eine Familie“ ist sie auf die Bühne zurückgekehrt. Nun spielt die 64-Jährige in Jean-Paul Sartres Fassung von Euripides’ „Die Troerinnen“ am Münchner Residenztheater. Wir trafen Schwab vorab zum Gespräch.

Nach vielen Jahren beim Fernsehen sind Sie wieder fest am Theater. Wie fühlt sich das an?

Charlotte Schwab: Bevor ich zu drehen begann, war ich 24 Jahre ausschließlich am Theater. Ich glaube, jeder, der beim Theater angefangen hat, vermisst es irgendwann.

Sie mussten jetzt Ihren Wohnort wechseln...

Charlotte Schwab: Ich bin umgezogen und habe Hamburg nach 27 Jahren verlassen. Das ist nicht einfach. Wobei – mir gefällt München sehr gut. Ich meine, Hamburg ist die schönste Stadt der Welt. Aber ich fühle mich hier extrem wohl.

Mit Hekuba übernehmen Sie die Hauptrolle in „Die Troerinnen“. Es gibt ja nicht so viele große, eigenständige Frauen- wie Männerrollen am Theater. Was bedeutet Ihnen das?

Charlotte Schwab: Die Hauptrolle – na ja, ich nenne es eher die Prinzipalin. Und man muss sagen: Die Griechen haben die Frauen ganz schön mit großen Rollen bedient, Medea, Antigone…

Frauenfreundlich waren sie dennoch nicht...

Charlotte Schwab: Nein, sie waren frauenfeindlich in den Inhalten. Als Hekuba sage ich: „Die Ehebrecherin verdient den Tod.“ Das ist höchst frauenfeindlich. Sehr interessant aber ist, dass Euripides, der ja Grieche war, ein Stück über den Gegner, den Verlierer, geschrieben hat, über Troja, und dann auch noch über die Troerinnen. Was Euripides als erster antiker Schriftsteller im Drama außerdem macht, ist, dass er den Frauen ein eigenes Empfinden gibt. Also dass sie darüber reden, wie es ihnen geht. Darum ist Euripides so wahnsinnig modern, auch in der Aussage, dass es nur Verlierer im Krieg gibt. Dieses Moment bedient ja Sartre in seiner Fassung ganz stark.

Das Traurige ist: Alle Frauen im Stück werden von Männern unterjocht. Dennoch gehen sie aufeinander los, anstelle das Patriarchat zu entlarven.

Charlotte Schwab: Bis auf Kassandra werfen alle Hekuba vor, dass sie schuld sei, weil sie ihren Sohn Paris nicht getötet habe, wie es die Götter befahlen. Aber welche Mutter tötet ihr Kind, weil die Götter es befehlen?

Aber warum bilden die Frauen keine Front gegen die Peiniger?

Charlotte Schwab: Weil sie wissen: Das Schicksal treibt dich fort, nimm es an. Es war Fakt, dass die Frauen der Besiegten Sklavinnen werden mussten, das war wie die Länderaufteilung nach dem Krieg.

Gibt es auch frauenfreundliche Elemente?

Charlotte Schwab: Als frauenfreundlich würde ich die Figur der Helena bezeichnen. Das ist eine hochintelligente Frau, die mit ihren Reizen zu spielen weiß und rhetorisch so geschickt Menelaos einlullt, dass der sie nie töten wird. Sie überlebt ja auch. Das finde ich ein gutes Bild von einer Frau.

Hekuba gilt als Verkörperung des Frauenunglücks im Krieg...

Charlotte Schwab: Da steckt mehr dahinter. Es ist in Tina Laniks und meinem Sinn, dass sie sich nicht nur im Staub wälzt und „o Unglück“ ruft. Ihr Leid ist groß. Sie aber ist kämpferisch und versinkt nicht darin.

Franz Werfel sagt über Hekuba: „Dass der Mensch leiden muss, ist ihr der unsinnigste Unsinn der unsinnigen Welt.“

Charlotte Schwab: Das meinte ich mit kämpferisch. Hekuba holt ganz zum Schluss noch einmal aus, als die Griechen auch Andromaches kleinen Sohn ermorden: „Ihr hattet Angst vor einem Kind, ihr musstet es umbringen. Hier liegt ein ermordetes Kind, vor dem sich Europa fürchtete.“ Da ist mir sofort das tote Kind am Strand eingefallen (2015 wurde das Foto des toten Alan Kurdi am türkischen Strand zum Symbol des Flüchtlingselends; Anm. d. Red.). Ich finde das Stück wahnsinnig aktuell.

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