Charlottes Geheimnis

- An den Seiten 16 bis 18 des Programmhefts bleibt man unwillkürlich hängen. In schöner, schwungvoll geneigter Schrift breitet da Jürgen Rose "Gedanken, Bildideen und Fragen" aus. Dabei unterzieht er, ganz neugieriger Theatermacher, Jules Massenets "Werther" einer Kurzanalyse und spinnt daraus ein vielversprechendes Konzept.

Öffnet sich dann der Vorhang im Münchner Nationaltheater zur Premiere, ist man zudem erleichtert: Der Geschmacksunfall seiner "Norma" ist überwunden. Dafür gibt‘s die oft erprobte "Rose-Schachtel", im aktuellen Design eine wunderbar lichte Bühne, deren Wände, Decke und Boden wild vollgeschrieben sind mit Werthers Worten. Hinten ermöglicht eine Öffnung malerische Auftritte, in der Mitte ein wie vom Himmel gefallener Meteorit, auf dem der Schreibtisch des aus der Welt geworfenen Werther thront.

Jürgen Rose treibt um, was jedem "Werther"-Regisseur aufgebürdet wird: die Verbindung von realer, bürgerlicher Handlung und irrealer Seelenwelt des Titelhelden. Entlädt sich also dessen Innenleben mittels emphatischer Monologe, so lässt Rose die übrigen Figuren wie eingefroren innehalten ­ oder schickt den Titelhelden als gebrochenen Steinheiligen auf den Fels, der offenbar von Münchens "Ariadne" oder "Aida" übrig geblieben ist.

Dass Rose "Werther" von der Bildidee her denkt und Charaktere kaum von innen heraus entwickelt, war bei ihm, dem versierten Ausstatter, vorherzusehen. Vorzuwerfen ist ihm schon eher, dass Detailliebe gern ins Puzzeln umschlägt. Natürlich macht das Rose-Personal durchwegs Bella figura, ist liebevoll à la 20er-Jahre ausstaffiert. Doch wenn im Pfarrershaus die Gratulanten zur Goldenen Hochzeit vorbeidefilieren, wenn überdies die Festtafel minutenlang gedeckt wird, dann interessiert bei all dem Händeschütteln und Geschirrräumen bald kaum mehr, an was der sympathische Bulle an der Rampe eigentlich leidet.

Mangels tieferer Figurenauslotung darf Marcelo Alvarez ohnehin seine Traumrolle spielen: sich selbst. Von der Regie-Leine gelassen, ergeht er sich in hemmungslosen Posen aus dem Tenor-Bilderbuch. Arme auseinander, Augenrollen à la Otello ­ das Naive, Großkindliche mag hier authentisch wirken. Zumal Alvarez unwiderstehlich singt, seinen schmiegsamen Tenor durch die Register gleiten lässt, dabei plärrende Stentortöne vermeidet und trotz offensiver Italianitá geschmackvoll phrasiert. Doch bei aller packenden Emotion: Dieser Macho-Werther hätte kaum zur Feder gegriffen, um manisch sein Liebesleid aufzuschreiben, der hätte doch eher die Pistole gepackt, den Nebenbuhler abgeknallt und Charlotte mit sich gezerrt.

Durch all dies, von der Putzigkeits-Offensive mit Kleinkindern über die extreme Genre-Malerei bis hin zum Selbstmord auf offener Bühne (im Libretto aus guten Gründen nicht so vorgesehen), driftet Jürgen Roses Inszenierung doch sehr ins Äußerliche und besinnt sich erst am Ende auf Massenets eigentlich beabsichtigtes, intimes Spiel.

Zum eigentlichen Zentrum der Aufführung wird die großartige Sophie Koch. Weil sie, diese hochintelligente Darstellerin, Charlotte etwas Uneindeutiges gibt, ihr damit auch ein Geheimnis bewahrt. Mädchenhafte, dann wieder entschlossene Frau, hingebungsvoll Liebende und doch vernunftabhängig: All das ist Werthers Angebetete bei Sophie Koch, die, ganz im Sinne des Stücks, Charlotte an einer Entwicklungsschwelle vorführt. Und dabei derart berückend singt, mit fülligem, sehr gehaltvollem, dunklem Mezzo, der gleichermaßen fähig ist zur großen, dramatischen Geste wie zur lyrischen Innenschau.

Auch Christopher Maltmans Albert ist ganz klangliches Ebenmaß ­ und trotzdem Opfer von Roses Regie. Denn obwohl die Figur schon im ersten Akt von Massenets Musik beschattet wird, bleibt er ganz formvollendeter, braver Ehemann, dessen spätere Aggressivität doch etwas unvermittelt kommt. Adriana Kucerova hätte ein besseres Staatsopern-Debüt nicht gelingen können. Ihre Sophie ist eine kokette, ansteckend gut gelaunte, nie soubrettenhafte Sophie. Wie sich das Haus überhaupt bis in die Nebenrollen in Fespiellaune zeigte: Kevin Conners (Schmidt), Franz-Josef Kapellmann (Johann) und Christoph Stephinger (Amtmann) werteten ihre Parts zu glaubwürdigen Typenstudien auf.

Allerdings war der Aufführung auch anzuhören, dass die musikalische Leitung während der Endproben gewechselt hatte. Ivor Bolton musste, wie berichtet, wegen einer angeblichen Familienerkrankung das Dirigat zurückgeben, Daniel Oren und das Staatsorchester kamen anfangs über ein diffuses, verwaschenes Klangbild nicht hinaus. Später besserte sich das zur soliden Sicherheitsdeutung. Nachhaltige Impulse setzte Oren freilich kaum, doch bieten künftige Abende Spielraum zur Verfeinerung.

Über Marcelo Alvarez und Sophie Koch ergossen sich Ovationen, auch die Übrigen ­ inklusive Regisseur ­ durften sich über ungetrübten Applaus freuen. Ein Abend der soliden, grundehrlichen Konvention ­ wer hätte anderes erwartet?

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