Charmant durcheinandergewirbelt

München - Tourneeauftakt für „Magnifico“ in München: André Hellers neues Wunder-Artistik-Spektakel wurde uraufgeführt. Ein Kritik:

Premiere: "Magnifico" von Andre Heller

Clowns, Jongleure – und zwischendrin schickt ein Schlangenmensch mit verknoteten Armen und Beinen Küsse ins Publikum. André Hellers Traumwelt in „Magnifico“, die jetzt in München-Riem Weltpremiere feierte, ist konzipiert wie viele andere Artistik-Shows auch. Doch bei manchen Szenen rentiert es sich, genau hinzuschauen. Das aber muss fix geschehen, die fünf durch die Lüfte fliegenden Salatschüsseln nämlich sind ganz schnell an ihrem Platz gelandet – auf dem Kopf eines auf einer Rolle balancierenden Chinesen versteht sich.

Ach ja, und dann wären in diesem Reitermärchen auch noch die Pferde. Eine weibliche Stimme erzählt zu Aufführungsbeginn die Geschichte. Doch die existiert eigentlich gar nicht: Das Einhorn namens „Magnifico“ träumt – das ist alles. Unsagbar viele Szenen folgen daraus, alle scheinbar ohne Hintergedanke oder verknüpfendes Element aneinandergereiht. Auf poppige, Hip-Hop-inspirierte folgen ruhige, sanfte. Die Musik vom Band, das Licht und die Szenerie passen sich akribisch an. Manchmal ist Letztere eine Zirkusmanege, manchmal wird eine Theaterbühne aus dem Hintergrund herausgefahren. Darauf, daneben oder oben darüber spielt sich dann alles ab: Tangotänzer rotieren, chinesische Schulmädchen kaspern, eine Seiltänzerin tanzt auf Spitzenschuhen in etwa zehn Metern Höhe. 150 Mitwirkende hat der Wiener André Heller engagiert; Eventmanager Marcel Avram hatte die Idee zu dem „Rausch aus Schönheit und Extravaganz“. Sechs Zeltpaläste plus Hauptzelt mit 2500 Sitzplätzen bauten bis zu 255 Menschen im Drei-Schicht-Betrieb in der Messestadt Riem in acht Tagen auf. Zu dieser opulenten Inszenierung passen die Rösser.

Rassepferde sind es natürlich, andalusische Stuten, arabische Hengste, die eher wie Bilder und nicht wie Tiere wirken. Sie, die schwarzen, weißen, braunen oder grauen, folgen ihren Flüsterern aufs Kommando in die Arena, drehen Pirouetten, sollen in die magische Traumwelt entführen. Und würden sie nicht manchmal nach der wie für eine Shampoo-Werbung ideal seidig-glänzenden Mähne des Kompagnons schnappen oder beim Verlassen noch mal aus lauter Übermut ausschlagen, könnte man ihnen glatt den Stempel „zu glatt“, „zu perfekt“ oder gar „Alles-Schonmal-Da-Gewesen“ aufdrücken. Doch zwischendrin, zwischen der pompös-durchgestylten Choreographie und den gefühlten Pausenfüllern, blitzen die Höhepunkte auf.

Sie allerdings haben mit dem heraufbeschworenen Traum weniger zu tun. Sie holen den Zuschauer in die Wirklichkeit zurück, lassen ihn schmunzeln, auf den Plastikstühlen bis an die Kante vorrutschen. So jagt eine übermenschengroße Hand samt Ehering einem flüchtenden Bräutigam hinterher, eine rothaarige Marge Simpson hängt an Magneten kopfüber von der Decke herab und freut sich über einen selbstgeschenkten Blumenstrauß. Und ein Chinese, offenbar im wahren Leben ein gelangweilter Hausmann, zeigt, dass man aus Schüsseln und mit Löffeln nicht nur essen kann. Doch diese Episoden sind in der Minderheit. Und würde nicht zwischendurch immer mal wieder die grasgrüne Fliege Leopold herumwuseln und den Ablauf charmant durcheinanderwirbeln oder das Schattenspiel aus zusammengeknoteten Menschen Zentauren, Schildkröten oder Kamele erscheinen lassen, man könnte sich in diesem Traum ruhig mal das eine oder andere Nickerchen gönnen.

Weitere Vorstellungen bis 13. März, Karten-Telefon: 01805 57 00 46, Standort: Neue Messe in München-Riem gegenüber den Riem-Arcaden.

Angelika Mayr

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